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Handlungsfelder der psychiatrischen Versorgung Analysen, Konzepte, Erfahrungen aus dem Zürcher Impulsprogramm zur nachhaltigen Entwicklung der Psychiatrie (ZInEP)

  • Erscheinungsdatum: 16.03.2016
  • Verlag: Kohlhammer Verlag
eBook (ePUB)
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Handlungsfelder der psychiatrischen Versorgung

Die psychiatrische Versorgung befindet sich im Umbruch. Immer mehr Menschen sind bereit, sich wegen psychischer Probleme behandeln zu lassen. Die meisten Betroffenen werden heute ambulant versorgt. Schwierigkeiten der Versorgung entstehen z. B. an den Schnittstellen zwischen ambulanter und stationärer Versorgung, wo Patienten gegen ihren Willen in stationäre Behandlung gezwungen werden, oder bei Entlassung, wenn die nachfolgenden Hilfen unkoordiniert sind. Auch kommt Hilfe oft zu spät - nicht zuletzt das Stigma psychischer Erkrankungen verhindert immer noch oftmals, dass Betroffene adäquate Hilfen in Anspruch nehmen. Ein großes sozialpsychiatrisches Forschungsprogramm untersuchte Brennpunkte der psychiatrischen Versorgung. Das Buch informiert über den Stand wichtiger Handlungsfelder der Psychiatrie und daraus resultierende Forschungsfragen. Das Themenspektrum reicht von der Epidemiologie über Früherkennung, Netzwerkkoordination, Arbeitsintegration, Stigma bis zum Einsatz biologischer und experimentalpsychologischer Messmethoden im klinischen Alltag.

Prof. Dr. med. Dipl.-Psych. Wulf Rössler war langjähriger Direktor und Vorsteher der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich und hat nach seiner Emeritierung in 2013 Professuren in Lüneburg und Sao Paulo angenommen.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 140
    Erscheinungsdatum: 16.03.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783170300774
    Verlag: Kohlhammer Verlag
    Größe: 3179 kBytes
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Handlungsfelder der psychiatrischen Versorgung

1 Psychiatrische Epidemiologie: Grundfragen, Datengrundlagen und das Beispiel der Persönlichkeitsstörungen

Vladeta Ajdacic-Gross, Stephanie Rodgers, Aleksandra Aleksandrowicz, Mario Müller und Michael P. Hengartner

1.1 Einführung

1.1.1 Eine Ausgangslage voller Überraschungen

Die psychiatrische Epidemiologie ist, so wie andere epidemiologische Subdisziplinen auch, eine quantitative Wissenschaft. Es sind Zahlen, die Geschichten erzählen - Zahlen von vielen und über viele Menschen. Nicht selten enden diese Geschichten unerwartet - anders als plausible Theorien uns vorgaukeln und anders als der gesunde Menschenverstand sich die Wirklichkeit zurechtzimmert. Wer sich auf psychiatrische Epidemiologie einlässt, muss auf Überraschungen gefasst sein.

Überraschend, ja geradezu irritierend für viele Kliniker, Politiker wie auch die Bevölkerung waren die wichtigsten Beiträge der psychiatrischen Epidemiologie in den letzten Jahrzehnten. Die Prävalenzraten psychischer Krankheiten in der Bevölkerung erwiesen sich nämlich als unerwartet hoch - und, wie verschiedene Surveys zeigen konnten, in westlichen industrialisierten Ländern sogar höher als in Ländern der zweiten oder dritten Welt. In der Schweiz trug die sogenannte Zürich-Studie von Jules Angst seit den 1980er Jahren (Angst et al. 1984) Ergebnisse bei, dazu die Studie aus Basel von Hans-Rudolf Wacker (Wacker 1995) sowie PsyCoLaus von Martin Preisig in Lausanne (Preisig et al. 2009). In den USA wurden große Surveys mit mehreren Tausend Befragten durchgeführt - Epidemiologic Catchment Area Survey (Regier und Kaelber 1995) und National Comorbidity Survey (NCS) (Kessler et al. 1994). Große Surveys in Grossbritannien (Jenkins et al. 1998), in Deutschland (Wittchen et al. 1998; Jacobi et al. 2002) und in Holland (Bijl et al. 1998) sollten folgen. Der letzte große Wurf ist der World Mental Health Survey (Kessler et al. 2007). Je jünger die Studie, je ausgefeilter das Instrumentarium, desto höher stiegen die Raten. Inzwischen ist klar, dass über die Hälfte der Bevölkerung im Laufe des Lebens früher oder später an einer diagnostizierbaren psychischen Störung leidet, wobei über 50 % dieser Störungen komorbid sind (d. h., zusammen mit anderen auftreten). Wird der Fokus auf psychische Beschwerden gerichtet, die mit einer massiven Belastung, d. h. mit entsprechendem Leidensdruck einhergehen, so sind über 90 % der Menschen betroffen (Ajdacic-Gross et al. 2006).

Das zweite Überraschungsmoment betrifft die Nutzung von professionellen Hilfs- und Betreuungsangeboten. Erstaunlich viele Menschen mit einer schweren Störung, etwa einer schweren Depression, suchen keine professionelle Hilfe auf, sondern nutzen v. a. informelle Hilfe oder versuchen selbst, mit der Situation zurecht zu kommen, oder warten einfach auf spontane Besserung (Burns et al. 2003; Rüsch et al. 2014). In Zahlen ausgedrückt, betrifft dies mehr als 50 % aller Betroffenen (Wang et al. 2007). Zu berücksichtigen bleibt zudem, dass nur ein bestimmter Anteil unter ihnen korrekt diagnostiziert, in der Folge nur ein Anteil dieses Anteils angemessen psychopharmakologisch therapiert wird, und davon nochmals nur ein weiterer Anteil die Therapie auch nach Vorgabe befolgt. Unter dem Strich führt dies zu einem Anteil von nur 10-20 % adäquat versorgten Menschen mit einer schweren Depression (Althaus und Hegerl 2001; Althaus et al. 2007). Diese Zahlen spiegeln sich im Outcome, indem die Mehrheit aller behandelten Patienten innerhalb der nächsten zwei Jahre erneut erkrankt. Nur ein Drittel bleibt über eine Zeitspanne von zwei Jahren klinisch bedeutsam verbessert. Ebenfalls bemerkenswert ist, dass ca. 15 % aller Personen mit Depressionen Suizid begehen (Hollon et al. 2002). Imme

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