text.skipToContent text.skipToNavigation
background-image

Phänomenologie und psychotherapeutische Psychiatrie

  • Erscheinungsdatum: 20.11.2014
  • Verlag: Kohlhammer Verlag
eBook (ePUB)
35,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

Phänomenologie und psychotherapeutische Psychiatrie

Phänomenologie ist mehr als reine Beschreibung. Sie ist die Grundlage jeder Psychopathologie und Diagnostik. Lange Zeit in den Hintergrund gerückt, zeigen die Diskussionen um DSM-5 und ICD-11 jedoch, wie relevant die Grundlagen der Klassifikation weiterhin sind, die in diesem Buch in allgemeinen, auch philosophischen, historischen und spezifisch klinischen Aspekten vertieft werden. Phänomenologie ist eine Methode der Erkenntnis, bei der neben der Wahrnehmung auch die Einfühlung von großer Relevanz ist. Sie ergänzt das methodische Repertoire eines jeden diagnostisch tätigen Klinikers und ist eines der Fundamente, auf dem Psychiatrie und Psychotherapie bis heute stehen. Beiträge zur speziellen Psychopathologie zeigen die Bedeutung und Vielfalt der phänomenologischen Psychiatrie heute und ihren Praxisbezug. Dr. med. Dipl.-Psych. Dipl.-Soz. Gerhard Dammann, Psychiater, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychoanalytiker, Ärztlicher Direktor der Psychiatrischen Dienste Thurgau und der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen.

Produktinformationen

Weiterlesen weniger lesen

Phänomenologie und psychotherapeutische Psychiatrie

1 Wolfgang Blankenburgs Psychopathologie des Unscheinbaren

Martin Heinze

Unter dem Titel "Psychopathologie dieses Unscheinbaren" erschien 2007 posthum eine Aufsatzsammlung mit den wichtigsten Beiträgen Wolfgang Blankenburgs zur Psychopathologie. Nach dem Zeugnis seiner Ehefrau wollte Blankenburg diesen Titel selbst als Überschrift für ein solches Kompendium wählen, welches zu Lebzeiten aber nicht mehr zustande kam. Als Herausgeber der Aufsätze im Parodos-Verlag nahm ich diesen Titel dann gerne auf. Einerseits besagt er, dass der Gegenstand der Psychopathologie oft in unscheinbaren Dingen oder Erscheinungen zu finden ist, die im Rahmen größer angelegter Theorien vielleicht nicht beachtet werden oder verloren gehen würden. Er beschreibt aber auch die Denkhaltung Blankenburgs, der ich in diesem Beitrag besondere Aufmerksamkeit schenken möchte. Mit der Frage nach der Denkweise dieses wichtigen Autors lässt sich auch die Frage verknüpfen, inwieweit er, zweifellos dem Feld der Anthropologischen Psychiatrie zuzuordnen, dennoch eine Sonderposition einnimmt, nämlich die, dass er anders als die meisten in diesem Feld zwar die Phänomenologie zum Ausgangspunkt nimmt, sich sein Denken aber über phänomenologische Methoden hinaus zu einem dialektischen Denken weiterentwickelt, sich zuweilen von der Phänomenologie geradezu abstößt. Dabei ist Blankenburg einer bestimmten philosophischen Schule so ohne Weiteres nicht zuzuordnen, sondern die Qualität seiner Arbeit liegt gerade darin, dass er sehr breit sowohl empirische als auch philosophische Ansätze rezipiert und in oft wagemutiger Montage zueinander in Verbindung bringt.

Blankenburg studierte Philosophie, bevor er sich der Medizin zuwandte. Durch sein Studium in Freiburg war er zunächst sehr eindeutig von der Heidegger'schen Philosophie geprägt, für die auch seine akademischen Lehrer Eugen Fink und Wilhelm Szilasi stehen. Kontakt zur anthropologischen Psychiatrie im engeren Sinne bekam er über seine Dissertation "Daseinsanalytische Studie über einen Fall paranoider Schizophrenie" (Blankenburg 1958), zu der er in engem Austausch mit Ludwig Binswanger geriet. Erst nach einem Umweg in die internistische Medizin, die ihn vor allem hinsichtlich ihres psychosomatischen Gehalts interessierte, landete er biographisch relativ spät im Feld der Psychiatrie, ebenfalls an der Universität in Freiburg, an der man sich zu diesem Zeitpunkt mit der Tiefenpsychologie, aber auch der anthropologisch orientierten Psychotherapie auseinandersetzte. Folgerichtig ging er dann als Oberarzt nach Heidelberg, wo er nach der Emeritierung von von Bayer kommissarischer Direktor der Klinik war, bis er seine Tätigkeiten in Bremen und Marburg aufnahm. Den Kontakt zur Philosophie pflegte Blankenburg sein Leben lang, insbesondere während der Heidelberger Zeit, in der er auch gemeinsame Seminare mit dem damals dort tätigen Michael Theunissen abhielt.

Der Beitrag möchte Blankenburgs Denkhaltung unter fünf Stichworten rekonstruieren: Im ersten Teil wird, sozusagen als Startpunkt, der Bedeutung von Anthropologie bei Blankenburg nachgegangen. Der zweite Teil rekonstruiert unter dem Titel des Könnens und Nicht-Könnens die praxistheoretische Wende, die Blankenburgs Denken in den 1970er Jahren vollzog. Als Konsequenz entwickelt Bankenburg eine ihm gemäße Konzeption einer Dialektik, die Gegenstand des dritten Teiles ist. Der sich nun abzeichnende Ansatz für eine dialektische Psychopathologie wird im vierten Teil dargestellt, bevor abschließend Konsequenzen für die Therapie abgeleitet werden.
1.1 Anthropologie bei Wolfgang Blankenburg

In seinen frühen Schriften zeigt sich Blankenburg noch ganz der Tradition der Anthropologischen Psychiatrie verpflichtet: die Ableitung allgemeiner Aspekte der menschlichen Existenz oder anthropologischer Grundsituationen erfolgt

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen