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"Darüber reden"

  • Erschienen: 11.08.2015
  • Verlag: Verlag Johannes Petri
eBook (ePUB)
19,99 €
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"Darüber reden"

"Nach dem Tod kommt die Ohnmacht, weil ich Dir nicht helfen konnte." Einen geliebten Menschen durch Suizid zu verlieren, ist eine schreckliche Erfahrung, die Angehörige nach dem Schock in tiefste Verzweiflung stürzt und zu Schuldgefühlen und Isolation führt. Nicht selten steigt auch bei den Hinterbliebenen das Suizidrisiko erheblich. Selbsttötung löst einen langen und komplizierten Trauerprozess voller Zweifel und Fragen aus, auf die es keine Antwort gibt. Die Beiträge in diesem Buch ? verfasst von Betroffenen, um das Unfassbare in Worte zu fassen ? geben dem tabuisierten Thema eine konkrete, lebensnahe Sprache. "Weshalb hat er nicht mit mir über seine Probleme gesprochen? Hat er mir nicht vertraut? Bin ich mitschuldig?" Die sehr persönlichen Texte wollen Menschen in gleicher Situation in ihrer Trauerarbeit unterstützen, aber auch Nichtbetroffene für das Thema sensibilisieren, um sie aus einer blockierenden Sprachlosigkeit im Umgang mit Hinterbliebenen zu führen.

Produktinformationen

    Größe: 7819kBytes
    Herausgeber: Verlag Johannes Petri
    Untertitel: Perspektiven nach Suizid: Lyrik und Prosa von Hinterbliebenen
    Sprache: Deutsch
    Seitenanzahl: 173
    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    ISBN: 9783037840788
    Erschienen: 11.08.2015
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"Darüber reden"

"Nach dem Tod kommen Tränen, Schuld, Scham."

Miriam Frisenda
An einem Suizid gestorben

Miriam Frisenda

"Mein Mann ist an einem Suizid gestorben." Betretenes Schweigen. Ist Suizid eine Krankheit? Hatte er sich nicht umgebracht? Selbstmord begangen? Seinem Leben ein Ende gesetzt? Wie meinte sie das?

Viele, die es gut meinen, schauen sie mitleidig an, und sagen: "Bist du denn nicht wütend, dass er dich einfach so verlassen hat - und eure Kinder?! Das ist doch der Gipfel!"

Und ja, anfangs war sie wütend, sehr sogar. Vor lauter Wut konnte sie jeden Morgen aufstehen und weitermachen. Sie konnte sich ärgern über Behörden, die nicht weiterhalfen, über Anwälte, die keine guten Nachrichten hatten, Versicherungen, die nicht zahlten, Schwieger familien, die keinen Grund sahen, sich in ihre Situation zu versetzen. Und immer wieder sagte sie sich wütend: "Nein, mich kriegst du nicht unter, ich kämpfe weiter für mich, für deine Kinder, für alles, was wir uns erträumt hatten, auch wenn du da nicht mehr mitmachst."

Er hatte brutal etwas getan mit sehr, sehr weitreichenden Konsequenzen. Er nahm an diesem Dienstag im Februar dieses Seil, ging in den Dachstock, spannte das Seil um den Balken, knüpfte diese Schlinge, legte seinen Kopf hinein und nahm diesen Schritt vom Stuhl. Er nahm in Kauf, dass seine Kinder ihn hätten finden können. Wahrscheinlich hatte er aber angenommen, dass sie ihn finden würde. So, wie es dann auch war. Sie sah ihn dort hängen, und mit einem Mal war die Welt, wie sie sie kannte, zerschlagen.

Sie ist traurig, dass er keinen Ausweg mehr gesehen hatte. Sie hatten sich schließlich einmal geliebt, eine gemeinsame Zukunft geplant, Kinder in die Welt gesetzt - Träume gehabt. Das war alles vorher. Bevor seine Krankheit seine Persönlichkeit übernommen hatte, ihn so veränderte, dass sie ihn an manchen Tagen kaum mehr erkannte. Dass sie ihn anschaute und dachte, wie bin ich bloß hierhergekommen. Wie kann ich ihm helfen? Was kann ich noch tun?

Sie flehte ihn an, sich Hilfe zu holen. Aber er hatte die Klinik schon versucht und seiner Meinung nach hatte dies nichts gebracht. Er wurde manisch und böse, dann wieder depressiv und unendlich traurig. Zum x-ten Mal machte sie diesen Zyklus mit, zum x-ten Mal wusste sie nicht, wie sie ihn wieder dazu bringen konnte, seine Medikamente zu nehmen, und zwar für immer. Aber er wollte nicht, er wollte diese Höhen und Tiefen spüren, sich spüren - er wollte nicht von Medikamenten abhängig sein. Er hatte ja alles im Griff. Nur: Das hatte er nicht und im letzten Jahr je länger, je weniger.

Viele glaubten, es sei passiert, weil er entlassen worden war, keine Arbeit fand, in einem fremden Land weit weg von seiner Familie wohnte, in finanziellen Nöten war oder sie ihn verlassen wollte. Aber das war alles nicht wahr - er hatte Arbeit, verschiedene Angebote und sogar schon einen neuen Vertrag, sie waren nicht in finanziellen Schwierigkeiten, sie wollte ihn nicht verlassen.

Die Verzweiflung war nicht in diesem letzten Jahr entstanden. Die Wolke war eigentlich immer da, manchmal weiß, manchmal tiefschwarz - manchmal entlud sie sich in großen Gewitterstürmen, und manchmal ließ sie die Sonne durchblitzen, aber sie war da - ein Teil von ihm, seit sie ihn kannte. Sie wusste, dass seine Gedanken die Tendenz hatten zu kreisen, und er manchmal in diesem Kreis gefangen war. Aber wusste sie, wie ernst es war?

Am Abend zuvor hatte sie noch zu ihm gesagt, dass er blute, seine Energie blute aus, und sie sei nicht in der Lage, dieses Blut zu stillen, er brauche Hilfe und müsse wieder einen Arzt finden. Er stimmte ihr zu und sagte, er würde es tun - er erzählte ihr von seinem Abend bei einer Freundin, die ihm von ihrem Weg zum Buddhismus berichtet hatte, und wie ruhig er sich beim Chanten fühlte.

Am Morgen setzte er sich wie gewohnt vor den Computer, telefonierte mit

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