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Progressive Rock Pomp, Bombast und tausend Takte von Weigel, David (eBook)

  • Verlag: Hannibal Verlag Edition Koch
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Progressive Rock

Ende der Sechzigerjahre schufen Instrumente wie Mellotron und Synthesizer neue Möglichkeiten für ambitionierte Soundtüftler. Bands wie Yes, Genesis, Pink Floyd, Emerson, Lake & Palmer oder King Crimson machten sich daraufhin ans Werk, die bestehenden Grenzen der Rockmusik hinter sich zu lassen: Die Drei-Minuten-Single, die früher über Erfolg oder Misserfolg einer Band entschied, hatte ausgedient und wurde abgelöst von Konzeptalben mit klassisch beeinflusster Musik, bedeutungsschweren Texten und aufwendig gestalteten Klappcovern. Und auch die typischen Poprock-Themen wie Liebe, Sehnsucht, Einsamkeit waren passé. Im Progressive Rock ging es um Größeres: mythische Mischwesen aus Mensch und Maschine, dystopische Sci-Fi-Szenarien, Fantasy-Epen oder historische Ereignisse. Prog wurde zur Religion all jener Musikfans, die mehr als einen Soundtrack zum Tanzen oder Küssen suchten und lieber stundenlang über kryptische Texte grübelten, die von Roger Dean oder H.R. Giger phantasievoll designte Plattencover nach geheimen Botschaften absuchten und das musikalische Können großer Instrumentalisten wie Rick Wakeman, Steve Hackett oder Keith Emerson zu schätzen wussten. Sie kümmerte es nicht, dass wenig später Punk zum Angriff auf die Gigantomanie blies, die mit den bombastischen Kulissen, den ausgefallenen Kostümen und der ausgefeilten Bühnentechnik des Progressive Rock einherging - sie hielten dem Sound die Treue, der Mike Oldfield zum Superstar gemacht und Pink Floyd den Weg zur Weltkarriere geebnet hatte. Für sie schrieb David Weigel dieses Buch - die längst überfällige Würdigung einer oft geschmähten, aber dennoch leidenschaftlich geliebten Musikrichtung, die mit Bands wie Marillion, Porcupine Tree oder Dream Theater auch später noch erfolgreiche Vertreter hervorbrachte. Weigel gelingt es vorzüglich, der Ernsthaftigkeit des Genres gerecht zu werden und gleichzeitig stilsicher, kritisch und mit liebevoller Ironie seine Exzesse und Absurditäten zu beleuchten. David Weigel wurde in den USA geboren und verbrachte seine Jugendjahre in Großbritannien. Er arbeitete lange für die Washington Post, für die er vor allem über politische Entwicklungen berichtete, und schrieb außerdem für Businessweek, GQ, Esquire, USA Today, den Rolling Stone und viele andere. Bereits 2012 erschien im US-Magazin Slate eine von ihm verfasste Artikelreihe über Progressive Rock. Weigel lebt in Washington.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 296
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783854456469
    Verlag: Hannibal Verlag Edition Koch
    Originaltitel: The Show That Never Ends:
    Größe: 5227 kBytes
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Progressive Rock

W ir sind die "uncoolsten" Menschen in Miami und können unsere freudige Erregung kaum bezähmen. An einem warmen Aprilmorgen haben sich Tausende unserer "Spezies" im Hafengebäude der Stadt versammelt, eine Hand am Griff des Koffers, die andere hält verkrampft den Reisepass. Nur noch eine läppische Linie trennt uns von der "Cruise to the Edge", vier Nächte und fünf Tage im Paradies mit den lebenden Göttern des Progressive Rock.

Haben wir diese Linie erst überschritten, werden die Spötter - Millionen, nein, zehn Millionen - durch die internationalen Gewässer von uns getrennt sein. Das Bürogebäude in Miamis Hafen ist so anonym wie jedes andere Amtsgebäude, doch als wir langsam vorwärts schlurfen, fühlen wir durch die zahlreichen Mitreisenden eine zunehmende Sicherheit. Schützende Hawaii-Hemden werden ausgezogen und enthüllen die darunter getragenen Yes-Tour-T-Shirts und Klamotten von anderen längst vergessenen Festivals. Nun übernimmt der Reiseveranstalter das Lautsprechersystem, durch das unbekannte progressive Musik zu uns dringt. "Wer ist das?", fragt ein Mitreisender. Wir hören ein Piano, das Moll-Dreiklänge anschlägt, und eine darüber erklingende Gitarre mit einem Flanger. "Könnte Nektar sein."

Könnte sein - es ist eine stimmige Annahme, eine, auf die nur wenige Musikfans kommen würden. Ich nutze meine letzten Minuten terrestrischen Handy-Empfangs, um den Song zu identifizieren - "Parted Forever" von Pineapple Thief, eine Band von "Revivalisten", die so klingt, als würden sie ihre Musik aus dem Jahr 1972 übertragen. Das Stück ist 18 Minuten lang. Der Progressive Rock eignet sich hervorragend für lange, ausgearbeitete und sich schlängelnde Musik-Exkursionen.

Natürlich bot die "Progressive Rock Cruise", für die die Reisenden einige Tausend Dollar hingeblättert haben, ein leichtes Ziel für Hohn und Spott. Eine solche Kreuzfahrt nicht augenzwinkernd zu nehmen, sondern bierernst, bedeutet seine "Visitenkarte der Coolness" zu nehmen und sie direkt abzufackeln. Und "Prog Rock" zu genießen - tja, hatte man sich diese Visitenkarte dafür überhaupt verdient? Mal ehrlich - die war doch gefälscht!

Nach dem Betreten des Schiffes und einer kurzen Stippvisite bei einigen Acts treffe ich mich mit dem Veranstalter der Reise, der alles organisiert hat. Larry Morand, Manager der Union Entertainment Group, hat eine Zigarren-Lounge in ein zeitweiliges Büro umgemodelt. In den nächsten zwei Wochen werden sich hier Probleme und Stapel von Papieren ansammeln. Die "Cruise to the Edge"-Reise ist die dritte in einer Reihe von aufeinanderfolgenden Musik-Ausflügen, die auf dem über 330 Meter langen Schiff stattfinden.

"Monsters of Rock" war die nicht unschwer am Titel zu erkennende Metal-Kreuzfahrt, bei der jeder den Zusammenhang zwischen Hair-Metal und gefärbten Mojito-Cocktails kapierte. Und da gab es ja noch die nostalgische Moody-Blues-Cruise, auf ein älteres und eher internationales Publikum abzielend. Um das Angebot über die Moody Blues hinaus zu erweitern, lud man hierzu Zeitgenossen der Band ein wie zum Beispiel den Drummer-Virtuosen Carl Palmer.

Nachdem ich mit Morand von dem Zigarren-Lounge-Büro zu einem italienischen Café gegangen bin, erzählt er mir vom Beginn des Projekts: "Wir schauten uns die Bands an und dachten: 'Wow, das ist aber wirklich ein anderes Genre, oder? ' Um das Offensichtliche zu benennen - es war Prog, und wir lernten sofort einiges über die Musik und das Publikum. Wir riefen den Yes-Manager an, der sich direkt mit der Nachricht zurückmeldete: 'Yes würden es gerne machen.' Und schon waren wir im Rennen."

Dieses Buch ist eine narrative Geschichte des Progressive Rock, erzählt von den Musikern, die ihn kreiert haben. Viele von ihnen erzählten ihre Storys der ersten Generation der Rock-Journalisten und damit zugleich den ab den späten

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