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Wie (a-)sozial ist die Musik? Österreichische Musikzeitschrift 02/2015

  • Erscheinungsdatum: 13.04.2015
  • Verlag: Hollitzer Wissenschaftsverlag
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Wie (a-)sozial ist die Musik?

MusikerInnen in Mitteleuropa verhalten sich per se nicht sozialer oder asozialer als Angehörige anderer künstlerischer Berufe. Sie beweisen in Teams und Kollektiven (und bereits während der Ausbildung) bei allem strukturell vorgegebenen Konkurrenzverhalten bemerkenswerten 'Korpsgeist' und oft auch Solidarität. Ist bei ihnen eine besondere Affinität zur Wohltätigkeit oder Bosheit zu diagnostizieren? Fest steht: Durch Musik wird per se weder 'der Mensch' noch 'die Welt' besser - Letztere aber immerhin lebenswerter. Selbst maliziöse Tonkünste können niemanden 'verderben' (an diesem Punkt haben sich ältere philosophische Auffassungen als ordnungspolitisch gut gemeinte Irrtümer erwiesen). Ist die ökonomische Situation der Musikschaffenden härter oder günstiger als die in vergleichbaren Berufsfeldern? Musik steht und fällt jedenfalls in besonderer Weise im bzw. mit dem sozialen Gefüge. Es erscheint nicht müßig, dies immer wieder unter die Lupe zu nehmen.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 104
    Erscheinungsdatum: 13.04.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783990122075
    Verlag: Hollitzer Wissenschaftsverlag
    Größe: 12495 kBytes
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Wie (a-)sozial ist die Musik?

THEMA

Grabmal des Nacht, Theben (Ägypten), 15. Jh. v. Chr.
Musik als soziale Praxis

oder: Ist/macht Musik sozial?

Sarah Chaker

Musik ist ihrem Wesen nach eine gesellschaftliche Praktik. Selbst, wenn wir alleine Musik ausüben oder konsumieren, büßt sie nichts von ihrem sozialen Charakter ein. Ergebnisse der Transferforschung zeigen Zusammenhänge zwischen musikalischen Umgangsweisen und menschlichem Sozialverhalten auf und erhellen u. a. die Frage, ob sich Musik positiv auf die Ausbildung sozialer Kompetenzen (insbesondere bei Heranwachsenden) auswirkt.

Keine Frage: Musik ist ein grundsätzlich soziales Phänomen. Schon Anfang der 1950er-Jahre verwies Alfred Schütz in seinem Aufsatz Making Music Together auf die zahlreichen "hidden social references" 1 , die zum Tragen kommen, wenn Menschen Musik komponieren, interpretieren, sich aneignen - kurz: mit Musik umgehen. Am Beispiel eines erfahrenen Klavierspielers, der sich eine ihm bis dato unbekannte Sonate aus dem 19. Jahrhundert erschließt, arbeitet Schütz heraus, dass dieser Prozess nicht in einem Vakuum stattfindet, sondern unter Einbezug kontextuellen musikalischen Vor- und Sonderwissens, über das der Pianist verfügt, wobei dieses Spezialwissen - wie jede Form des Wissens - sozial erprobt und abgeleitet sei. 2 Das Soziale sei im Akt des Musizierens insofern enthalten, als der Interpret mit seinem

"stock of experience refers indirectly to all his past and present fellow men whose acts or thoughts have contributed to the building up of his knowledge. This includes what he has learned from his teachers, and his teachers from their teachers; what he has taken in from other players' execution; and what he has appropriated from the manifestations of the musical thought of the composer." 3

Auch wenn das spezifische Musikstück dem Pianisten unbekannt sei, sei ihm - noch bevor er die erste Taste anschlage - aufgrund seiner musikalischen Vorerfahrungen bereits klar, wie die Klaviersonate in etwa zu spielen sei, um zu einer "angemessenen" (d. h. sozial anerkannten) Interpretation des Werks zu gelangen. Auch das Publikum und seine Erwartungshaltungen sind so in seinem Spiel bereits mitgedacht.

Dass der von Schütz beschriebene Klavierspieler alleine vor sich hin übt, ändert dabei nicht das Geringste an der prinzipiell sozialen Verfasstheit seines Tuns. Wie Tasos Zembylas korrekt anmerkt, werden künstlerische Praktiken (so auch musikalische) zwar

"individuell vollzogen, aber sie weisen keinen genuin individuellen Charakter auf. Zu insistieren, dass Praktiken kollektiv geteilt sind, bedeutet, sie als soziales, gemeinschaftliches Phänomen zu definieren." 4

Das bisher Gesagte gilt nicht nur für MusikinterpretInnen, sondern im Grunde für alle Menschen, die sich auf irgendeine Weise mit Musik befassen. Der Metal-Fan etwa, mag er nun allein im stillen Kämmerlein oder auf einem Konzert gemeinsam mit anderen zum Klang seiner Lieblingsmusik headbangen oder Luftgitarre spielen, vollzieht in seinem Tun einen sozialen Akt im Sinne von Schütz, indem er im Moment der Musikaneignung körperlich und mental nacherlebt und -fühlt, was andere vor ihm (und für ihn) erdacht haben. Hierbei nimmt er auf Fertigkeiten und Spezialwissensbestände Bezug, die er von anderen Menschen und damit sozial erworben hat: Wie man zu Metal tanzt, wie man (Luft-)Gitarre spielt usw. lässt sich innerhalb dieser "kleinen sozialen Lebenswelt" 5 u. a. auf den Events der Szene oder in Musikclips auf YouTube studieren. Auch tanzt er nie nur für sich allein, da ihn stets ein Publikum umgibt - sei es nun tatsächlich physisch präsent oder nur imaginiert.

Klavierspielen basiert auf sozial erprobtem Wissen, das zu "angemessenen" Interpretationen führt. Pierr

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