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'Erlösung ward der Welt zuteil' Säkularisierung und die Oper des 19. Jahrhunderts von Steinacker, Peter (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 01.05.2014
  • Verlag: WBG Academic
eBook (ePUB)
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'Erlösung ward der Welt zuteil'

Nach dem Erdbeben von Lissabon 1755 gerät der christliche Glaube in eine schwere Krise. Die durch das Beben angeheizte Diskussion um die Theodizee spaltet die intellektuelle Welt Europas und mündet in der Säkularisierung der Gesellschaft. Doch die Religion verschwindet nicht völlig: Mit der Entzauberung der Welt transzendieren die religiösen Inhalte in die säkulare Kultur, tauchen verwandelt wieder auf. So beispielsweise in der Ästhetik, die nun dem Menschen als Ventil zur Erlösung von dem Leid der Welterfahrung dient. Peter Steinacker zeigt anhand einiger der wichtigsten Opern des 19. Jahrhunderts, wie den Künstlern bewusst wurde, dass der Mensch nicht ohne die göttliche Transzendenz existieren kann, und wie diese Erkenntnis ihr Schaffen beeinflusste. Von Beethovens ?Fidelio? über die Werke Wagners zu Strauß' ?Salome? wird aber auch klar, dass die Religion der Moderne eine neue, zeitgemäße Form finden muss, um die Weltlichkeit und das metaphysische Bedürfnis der Menschen zu vereinen.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: AdobeDRM
    Seitenzahl: 148
    Erscheinungsdatum: 01.05.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783534731336
    Verlag: WBG Academic
    Größe: 1135 kBytes
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'Erlösung ward der Welt zuteil'

Kapitel 1
Der Augenblick des Wunders und der Tigersinn des Bösen. Religion in Beethovens "Fidelio"

Beethoven ist Autor eines neuen Typs von Musik. Er will mit seiner Musik nicht mehr nur unterhalten, positive oder negative Stimmungen erzeugen, Freude, Sorgen, Kummer oder Trost auslösen oder spenden, als Funktion von Religion oder gesellschaftlicher Ordnung verstehen. Er will auch philosophisch bestimmte Inhalte vermitteln. Er ist "Ideenkomponist", "Musikdenker aus Leidenschaft", "der erste Komponist, der ,Musik' mit solcher Bewusstheit als eigengesetzlichen Ausdruck des Geistigen schlechthin aufgefasst hat." 32 In Bonn geboren, wegen seiner großen Begabung nach Wien gerufen, hat er mit seiner Musik und seinen kompositorischen Entwicklungen alle nachfolgenden Generationen, besonders natürlich auch Wagner und Strauss, deren Schöpfungen auch besprochen werden sollen, geprägt und neue Horizonte eröffnet. Beethoven hatte philosophisches Interesse. Die Gedanken der Aufklärung, ihre Humanität und Freiheitssehnsucht, die Ideale, nicht den Blutrausch der Französischen Revolution, teilte er mit großer Leidenschaft. Er war religiös, sicher nicht im strengen Sinn einer bestimmten Konfession, was man nicht nur dem Heiligenstädter Testament entnehmen kann.

Warum, und wenn ja, was fasziniert an Beethovens "Fidelio" noch heute, ca. 200 Jahre nach seiner Uraufführung? Gibt es Spuren des Religiösen? Formal ist das Stück ein Verbund von Singspiel und Schreckensoper, sie fasziniert und erschreckt und das allein spricht schon dafür, weil das Religiöse nach der großartigen religionspsychologischen Beschreibung von Rudolf Otto immer mit dem Faszinosum und dem Tremendum, also mit dem, was uns fasziniert und zugleich erschreckt, zu tun hat. 33 Jedoch ist die Antwort auf diese Frage nicht ganz leicht und man braucht ein paar Umwege.

Schon der Anfang des Werkes stand unter keinem guten Stern. Die Kritik der beiden Aufführungen von 1805 und 1806 - noch unter dem Titel "Leonore" - war vernichtend und hat Beethoven sehr gekränkt. Vor allem die zweite Fassung, die erst vor wenigen Jahren von Helga Lühning entdeckt und ediert worden ist, atmet noch ganz den Geist der französischen Revolution. Es gibt darin den Sturm des Volkes auf das Staatsgefängnis und der Schlusschor hat viel weniger moralisches und frommes Pathos und Gewicht. 34 Die dritte Fassung brachte Beethoven nach dem Ende der französischen Besatzung und der gründlichen Entzauberung des zum autoritären und schließlich untergegangenen Kaiser mutierten Freiheitshelden Bonaparte dann endlich einen triumphalen Erfolg ein. Mit der Premiere am 23. März 1814 begann der Siegeszug dieser Oper auf allen Bühnen der Welt. Bis heute hält er an. Gleichwohl hat Beethoven gemeinsam mit seinem zweiten Librettisten, Treitschke, auch nach der Premiere immer noch einmal Änderungen vorgenommen. Die Partitur hat er nie drucken lassen, sondern immer - sicher auch aus finanziellen Gründen - in Abschriften an die Theater verkauft. 35

Gleichwohl bleiben damals wie heute Kontroversen. Selbst ein so glühender Beethoven-Verehrer wie Richard Wagner hielt die Leonoren-Ouvertüre Nr. 3 für das Beste am ganzen "Fidelio". Trotz der "Verherrlichung der weiblichen Treue", die Beethovens "Humanitätsdogma" entsprach, "umschloss dieses Opernsujet so vieles der Musik Fremde, ihr Unassimilierbare, dass eigentlich nur die große Ouvertüre zu ,Leonore' uns wirklich deutlich macht, wie Beethoven das Drama verstanden haben wollte" 36 . Vielleicht ist neben dem Formalen auch die Zeit der französischen Besatzung mit Schuld daran, dass die Oper durchfiel. Natürlich ist der formale Bruch zwischen den Akten stets Gegenstand der Kritik. Das ursprüngliche Libretto von Jean Niclas Bouilly, schon einmal zu einer Oper vertont, hatte Ferdinand von Sonnleitner mit einigen Änderungen in eine

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