text.skipToContent text.skipToNavigation
background-image

Über Musik Mozart und die Werkzeuge des Affen von Harnoncourt, Nikolaus (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 28.01.2020
  • Verlag: Residenz Verlag
eBook (ePUB)
15,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

Über Musik

Gedanken des großen Meisters über das Hören und Musik-Verstehen. Die Grundprinzipien von Nikolaus Harnoncourts musikalischer Praxis machten ihn in der gesamten Musikwelt berühmt. Er hat mit seinem Ensemble Concentus Musicus alte Traditionen gebrochen und die Interpretation Alter Musik neu zugänglich gemacht. Das war nicht nur das Ergebnis seiner intensiven Beschäftigung mit dem Klang der Originalinstrumente, sondern vor allem einer Infragestellung der üblichen Hörgewohnheiten: Was ist Musik überhaupt, wie wirkt sie und wie ist sie von ihren Schöpfern gemeint? Harnoncourts Texte über Aufführungspraxis, Barockmusik oder Instrumente wie das Cembalo lesen sich wie beredtes Musizieren. Eine wundersame Reise durch die Musikgeschichte! Nikolaus Harnoncourt, geboren 1929 in Berlin, gestorben 2016, gründete 1953 sein Ensemble für Alte Musik, den Concentus Musicus. Als Dirigent erhielt er zahlreiche internationale Auszeichnungen, u.a. den Polar Music Prize und den Erasmuspreis. Alice Harnoncourt (Hg.), geboren 1930 in Wien, begann schon sehr früh Klavier zu spielen, ehe sie mit neun Jahren die Liebe zur Geige entdeckte. Dreißig Jahre lang prägte sie den Concentus Musicus als Konzertmeisterin und Solistin und spielte am ersten Geigenpult bis zum letzten von Nikolaus Harnoncourt dirigierten Konzert. Zuletzt im Residenz Verlag erschienen 'Wir sind eine Entdeckergemeinschaft' (2017), 'Meine Familie' (2018) und 'Über Musik' (2020).

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 174
    Erscheinungsdatum: 28.01.2020
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783701746378
    Verlag: Residenz Verlag
    Größe: 972 kBytes
Weiterlesen weniger lesen

Über Musik

Von den Wurzeln der abendländischen Musik zur Revolution um 1600

Ein Vortrag für einen Kreis geistig Interessierter in Wien, geschrieben um 1965

Die Wurzeln der christlich-abendländischen Kultur sind, wie die aller Hochkulturen, in den älteren, schon ausgebrannten benachbarten Kulturen zu finden. Von dort übernommene Elemente werden mit ganz neuen Augen gesehen und umgeformt, sie werden zum völlig neuen echten geistigen Besitz der jungen aufstrebenden Kräfte. Ich möchte, soweit dies möglich ist, alle Randgebiete ausklammern und mich jetzt ausschließlich mit der abendländischen Musik befassen, mit ihrem Ursprung, ihrer Besonderheit und mit ihrer jahrhundertelangen vielen Wechselbeziehung zu asiatischen und afrikanischen Kulturen.

Das Besondere, Einmalige, was die abendländische Musik von jeder anderen Musik auch der hochstehendsten Kulturen unterscheidet, ist die Mehrstimmigkeit. Auch die reich instrumentierten chinesischen, japanischen, indischen Instrumentalwerke, so bunt und vielfältig sie klingen mögen, sind im Grunde einstimmig. Alle Stimmen bewegen sich parallel zur Melodie in Oktaven, manchmal auch in anderen Intervallen; eine scheinbare Mehrstimmigkeit entsteht manchmal dadurch, daß manche Musiker die Melodie nur ganz einfach wiedergeben, andere mit anderen Instrumenten dieselbe Melodie zugleich reich verziert ausführen, das ändert aber nichts an der Tatsache, daß es sich eben nur um einstimmige Musik handelt.

Wieso es gerade in Europa, wahrscheinlich in irgendeinem spanischen oder französischen Kloster des 11. Jahrhunderts dazu kam, daß mehrere Musiker ganz verschiedene Stimmen zugleich musizierten - verschiedene Stimmen, die aber durch ein kompliziertes Ordnungssystem in eine geistig und gehörmäßig erfaßbare Beziehung zueinander gebracht werden mußten -, das wird wohl für alle Zeiten ungeklärt sein, ist aber nichtsdestoweniger eine unvorstellbare geistig-künstlerische Leistung. - Ich kann mir vorstellen, daß diese Andersartigkeit gegenüber allen anderen Kulturen ihre tiefste Wurzel im christlichen Gottesbegriff hat, der sich von allen anderen ganz wesentlich unterscheidet. Der persönliche, aber allgegenwärtige Gott, der dreifaltige Gott, der Gottessohn Christus, der barmherzige und liebende Gott - diese Durchdringung des gesamten Lebens mit diesem Gottesbegriff kann in der abstraktesten aller Künste ihren Ausdruck gefunden haben, in der Aufspaltung des bisher nur in zwei Dimensionen, in Tonhöhe und Zeit bestehenden Klanges in die dritte Dimension der Vielstimmigkeit. Alles, was Odem hat, lobet den Herrn. Ich kann mir vorstellen, daß das erste Erlebnis der Vielstimmigkeit einen religiösen Rausch ausgelöst haben kann oder auch einer Ekstase entsprungen ist.

Was war nun das musikalische Material, das die unverbrauchten Kräfte der Mitteleuropäer am Beginn der christlich-abendländischen Kultur vorfanden? Einmal auf kirchlichem Boden der Choralgesang. Der frühchristliche Choralgesang ist keine christliche Neuschöpfung. Viele Quellen, besonders der hebräische Tempelgesang, aber auch griechische, strömten hier zusammen. An den verschiedenen Hauptkirchen entstanden verschiedene Schulen und Singweisen, bis nach den Reformen Papst Gregors des Großen der römische Choralgesang für die ganze Kirche verbindlich wurde. Nun ist ein wesentliches Element des Choralgesanges, auch des gregorianischen, wohl für alle Zeiten in Vergessenheit geraten: nämlich der Rhythmus. Das liegt an der äußerst ungenauen Aufzeichnung durch die frühen Notenzeichen, die keinen Rhythmus ausdrücken. So vererbt sich die rhythmische Singweise von einer Generation auf die andere, bis sie schließlich in Vergessenheit geriet. Alle heute praktizierten Arten, gregorianischen Choral zu singen, basieren, was den Rhythmus betrifft, auf Hypothesen.

Als aber, inspiriert von der Melodik des Chorals, die Mehrsti

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen