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Über den vermeintlichen Wert der Sterblichkeit Ein Essay in analytischer Existenzphilosophie von Kreuels, Marianne (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 09.05.2015
  • Verlag: Suhrkamp
eBook (ePUB)
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Über den vermeintlichen Wert der Sterblichkeit

Wäre ein unendliches Leben nicht auch unendlich langweilig? Die Annahme, die menschliche Sterblichkeit sei Voraussetzung eines wünschenswerten Lebens, ist weit verbreitet. Aber lässt sie sich auch halten? Marianne Kreuels setzt sich mit den verschiedenen Argumenten für diese Position auseinander, wie sie unter anderem von Bernard Williams und Martha Nussbaum vorgebracht wurden, und zeigt, dass sie allesamt nicht überzeugend sind. Anhand zahlreicher anschaulicher Gedankenexperimente arbeitet sie in ihrem scharfsinnigen Essay heraus, dass auch ein unendliches Leben ein wünschenswertes Leben sein kann, das sich - abgesehen natürlich von seiner Länge - nicht vom Leben eines Sterblichen unterscheiden muss.

Marianne Kreuels war Mitarbeiterin am Philosophischen Seminar der Universität zu Köln und ist derzeit als freie Autorin und Lektorin tätig.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 195
    Erscheinungsdatum: 09.05.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783518740729
    Verlag: Suhrkamp
    Größe: 1226 kBytes
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Über den vermeintlichen Wert der Sterblichkeit

2. Sterblichkeit, Präferenzen und Persönlichkeit

Das Bewusstsein der eigenen Sterblichkeit beeinflusst Menschen in besonderer Weise, etwa indem es ihre Wünsche mitbestimmt. Das Ereignis des Todes und damit die menschliche Sterblichkeit begrenzen die Zeit, die zur Erfüllung dieser Wünsche zur Verfügung steht, weswegen viele Wünsche, Absichten und Ziele von Personen sich auf einen bestimmten, durch den eigenen Tod begrenzten Zeitraum richten.

Die Idee, die ich als Erstes untersuchen werde, geht davon aus, dass die Anzahl der Wünsche einer Person begrenzt ist: Die Unsterbliche hat früher oder später "[a]lles schon gesehen, alles schon erlebt", [1] was sie gerne sehen und erleben würde, und verfiele deswegen früher oder später in einen depressiven Zustand existenzieller Langeweile.

Die Wünsche und die Persönlichkeit eines Menschen bleiben jedoch nicht während des ganzen Lebens konstant, vielmehr verändern sie sich im Lauf der Zeit mehr oder weniger radikal. Auch dieser kontinuierliche Prozess der Veränderung oder Entwicklung wird vom Tod der Person beendet; das Bewusstsein der eigenen Endlichkeit schafft einen Rahmen, innerhalb dessen die Person ihre eigene Zukunft entwirft. In einem zweiten Schritt werde ich daher der Frage nachgehen, ob die (häufig positiv bewertete) Entwicklung der menschlichen Persönlichkeit im Lauf eines Lebens nur um den Preis des Todes zu haben ist.
2. 1 Die Langeweile der Unsterblichkeit

Das Motiv der langweiligen Unsterblichkeit ist in der Literatur weit verbreitet. Ein unendliches Leben voller Leere und Lethargie lebt zum Beispiel Fosca, der unsterbliche Protagonist in Simone de Beauvoirs Roman Alle Menschen sind sterblich . Er hat in seiner Jugend von einem Lebenselixier getrunken und verharrt nach Jahrhunderten, zu ewiger Jugend verdammt, in unerträglicher Langeweile. [2] Ähnlich ergeht es Wowbagger, einer durch mysteriöse Umstände unsterblich gewordenen Person aus Douglas Adams' Science-Fiction-Roman Das Leben, das Universum und der ganze Rest , die zu Beginn noch Spaß an der Unsterblichkeit hat und viele langfristige Projekte beginnt, schlussendlich aber die Langeweile - insbesondere an den Sonntagnachmittagen - nicht mehr erträgt. [3] Auch in der philosophischen Thanatologie wird die Befürchtung, dass Unsterblichkeit und Langeweile eng miteinander verbunden sind, intensiv diskutiert.

Der Philosoph Bernard Williams veröffentlichte 1973 einen Aufsatz über den Zusammenhang von Sterblichkeit und menschlichen Wünschen, der sich für die Frage nach der Beschaffenheit der Unsterblichkeit als sehr bedeutsam erwies. Williams formuliert darin ganz explizit die Idee, dass Unsterblichkeit nicht wünschenswert sei, da sie - bei diachroner Identität [4] einer Person - zwangsläufig zur unerträglichen Langeweile führen würde. Ein Leben, das schon eine sehr lange Zeit andauert und in Zukunft unendlich lange bestehen würde, sei für eine Person nicht wünschenswert. [5]

Um das Szenario eines unsterblichen Lebens zu illustrieren, bezieht sich Williams auf die Oper Die Sache Makropulos von Leos Janácek. [6] Die Protagonistin dieses Stückes, Elina Makropulos, ist auf eine Weise unsterblich, die es ihr ermöglicht, (biologisch) für immer 42 Jahre alt zu bleiben, indem sie regelmäßig ein Lebenselixier einnimmt. Da sie sich nach einigen hundert Jahren in einem Zustand der "Langeweile, Gleichgültigkeit und Kälte" [7] befindet, der dazu führt, dass sie ihren eigenen Tod herbeisehnt, weigert sie sich schließlich, das Lebenselixier ein weiteres Mal einzunehmen, und stirbt. Die Unsterblichkeit wird in diesem Stück als ein Zustand geschildert, der es der unsterblichen Person unmöglich macht, ein befriedigendes und erfülltes Leben zu führen, da sie mit den Jahren und fortschreitendem Alter den Kontakt zur und das Interesse an der sie umgebenden Welt verliert. Williams' Argument wir

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