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Die Idee des Sozialismus Versuch einer Aktualisierung von Honneth, Axel (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 06.10.2015
  • Verlag: Suhrkamp
eBook (ePUB)
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Die Idee des Sozialismus

Die Idee des Sozialismus hat ihren Glanz verloren, so Axel Honneth in seinem luziden und kontrovers diskutierten politisch-philosophischen Essay, der nun als erweiterte Ausgabe im Taschenbuch erscheint. Der Grund dafür liege darin, dass in ihr theoretische Hintergrundannahmen am Werk sind, die aus der Zeit des Industrialismus stammen, im 21. Jahrhundert aber keinerlei Überzeugungskraft mehr besitzen. Sie müssen ersetzt werden, und zwar durch Bestimmungen von Geschichte und Gesellschaft, die unserem heutigen Erfahrungsstand angemessen sind. Nur wenn das gelingt, kann das Vertrauen in ein Projekt zurückgewonnen werden, das nach wie vor zeitgemäß ist.
Axel Honneth, geboren 1949, ist Jack C. Weinstein Professor of the Humanities an der Columbia University in New York. Von 2001 bis 2018 war Honneth geschäftsführender Direktor des Instituts für Sozialforschung der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 199
    Erscheinungsdatum: 06.10.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783518742389
    Verlag: Suhrkamp
    Größe: 4644 kBytes
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Die Idee des Sozialismus

Einleitung

Die Gesellschaften, in denen wir leben, sind durch einen höchst irritierenden, schwer zu erklärenden Zwiespalt geprägt. Einerseits ist das Unbehagen über den sozioökonomischen Zustand, über die wirtschaftlichen Verhältnisse und die Arbeitsbedingungen, in den letzten Jahrzehnten enorm angewachsen; wahrscheinlich haben sich seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs niemals so viele Menschen gleichzeitig über die sozialen und politischen Folgen empört, die mit der global entfesselten Marktökonomie des Kapitalismus einhergehen. Andererseits aber scheint dieser massenhaften Empörung jeder normative Richtungssinn, jedes geschichtliche Gespür für ein Ziel der vorgebrachten Kritik zu fehlen, so daß sie eigentümlich stumm und nach innen gekehrt bleibt; es ist, als mangele es dem grassierenden Unbehagen an dem Vermögen, über das Bestehende hinauszudenken und einen gesellschaftlichen Zustand jenseits des Kapitalismus zu imaginieren. Die Entkoppelung der Entrüstung von jeglicher Zukunftsorientierung, des Protests von allen Visionen eines Besseren, ist in der Geschichte moderner Gesellschaften tatsächlich etwas Neues; seit der Französischen Revolution waren die großen Bewegungen der Auflehnung gegen die kapitalistischen Verhältnisse stets von Utopien beflügelt, die Bilder davon entwarfen, wie die zukünftige Gesellschaft einmal verfaßt sein sollte - man denke nur an die Maschinenstürmer, an die Kooperativen Robert Owens, an die Rätebewegung oder an die kommunistischen Ideale einer klassenlosen Gesellschaft. Der Zufluß solcher Ströme des utopischen Denkens, wie Ernst Bloch gesagt hätte, scheint heute unterbrochen zu sein; man weiß zwar ziemlich genau, was man nicht will und was an den gegenwärtigen Sozialverhältnissen empörend ist, hat jedoch keine auch nur halbwegs klare Vorstellung davon, wohin eine gezielte Veränderung des Bestehenden sollte führen können.

Eine Erklärung für dieses plötzliche Versiegen utopischer Energien zu finden, ist schwerer, als es auf den ersten Blick erscheinen mag. Der Zusammenbruch der kommunistischen Regime im Jahr 1989, auf den intellektuelle Beobachter gerne verweisen, um daraus ein Zerrinnen aller Hoffnungen auf einen Zustand jenseits des Kapitalismus abzuleiten, kann wohl kaum als Ursache herangezogen werden; denn die empörten Massen, die heute zu Recht die wachsende Kluft zwischen öffentlicher Armut und privatem Reichtum beklagen, ohne indes über eine konkrete Vorstellung einer besseren Gesellschaft zu verfügen, mußten gewiß nicht erst durch den Fall der Mauer davon überzeugt werden, daß der Staatssozialismus sowjetischer Prägung soziale Wohltaten nur um den Preis der Unfreiheit spendete. Zudem hatte die Tatsache, daß bis zur Russischen Revolution eine reale Alternative zum Kapitalismus nicht existierte, die Menschen im 19. Jahrhundert keinesfalls daran gehindert, sich ein gewaltloses Zusammenleben in Solidarität und Gerechtigkeit auszumalen; warum also sollte der Bankrott des kommunistischen Machtblocks mit einem Mal dazu geführt haben, daß diese anscheinend tiefsitzende Fähigkeit zur utopischen Überschreitung des jeweils Bestehenden heute verkümmert ist? Eine andere Ursache, die häufig angeführt wird, um die eigentümliche Zukunfts- und Bilderlosigkeit der gegenwärtigen Empörung zu erklären, wird im jähen Wandel unseres kollektiven Zeitbewußtseins vermutet: Mit dem Eintritt in die "Postmoderne", wie er sich zunächst in der Kunst und der Architektur, dann aber auch in der Kultur als Ganze vollzogen habe, seien die für die Moderne charakteristischen Vorstellungen eines gerichteten Fortschritts so nachhaltig entwertet worden, daß heute statt dessen kollektiv das Bewußtsein einer historischen Wiederkehr des Immergleichen vorherrsche. Auf dem Boden dieser neuen, postmodernen Geschichtsauffassung, so lautet die zweite Erklärung, könnten Visionen eines besseren Lebens schon deswegen nicht mehr gedeihen, weil jede Idee davon

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