text.skipToContent text.skipToNavigation

Die Transparenz des Geistes von Barz, Wolfgang (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 16.07.2012
  • Verlag: Suhrkamp
eBook (ePUB)
19,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

Die Transparenz des Geistes

Eine einflußreiche Doktrin der Philosophie der Neuzeit besagt, daß wir entdecken, was wir denken, wahrnehmen oder fühlen, indem wir unseren Blick nach innen wenden, um die Zustände unseres Geistes direkt zu beobachten. Die Kernthese dieses Buches lautet, daß jene Auffassung falsch ist. Wenn wir etwas über unseren Geist wissen wollen, müssen wir nicht nach innen schauen, sondern die Welt in den Blick nehmen. In diesem Sinne ist uns der eigene Geist transparent: nicht indem er sich in einer unfehlbaren Innenschau enthüllt, sondern indem jeder Versuch, ihn wahrzunehmen, zwangsläufig in die Betrachtung derjenigen Sachverhalte in der Außenwelt mündet, auf die wir intentional bezogen sind. Wolfgang Barz verteidigt diesen Gedanken am Beispiel von Überzeugungen, Wünschen, Absichten, Sinneseindrücken, körperlichen Empfindungen und Emotionen.

Wolfgang Barz ist Privatdozent an der Freien Universität Berlin.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 450
    Erscheinungsdatum: 16.07.2012
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783518773307
    Verlag: Suhrkamp
    Größe: 1440 kBytes
Weiterlesen weniger lesen

Die Transparenz des Geistes

14 Einleitung

Eine einflußreiche Doktrin der neuzeitlichen Philosophie besagt, daß Personen über einen epistemischen Zugang zu ihrer Innenwelt, zu ihrem Geist oder – wie es manchmal auch heißt – zu ihrem Selbst verfügen, der sich fundamental von der Art und Weise unterscheidet, in der ihnen der Rest der Welt, die Außenwelt, epistemisch verfügbar ist. Dieser besondere Zugang, den eine Person zu ihrer Innenwelt, zu ihrem Geist bzw. zu ihrem Selbst genießt, wird gemeinhin als Introspektion bezeichnet und für eine besondere, nach innen gerichtete Form der Wahrnehmung gehalten.

Die Introspektion gilt traditionell als eine besonders zuverlässige Quelle des Wissens. Die Wahrnehmungen, die sie hervorbringt, so heißt es, geben die Vorgänge in unserer Innenwelt exakt so wieder, wie sie tatsächlich vor sich gehen. Außerdem, so heißt es weiter, können wir nicht umhin, uns dieser Vorgänge introspektiv bewußt zu sein. Kurz: Der epistemische Zugang, den eine Person zu ihrem eigenen Geist habe, sei täuschungsimmun und allgegenwärtig. Im Lichte dieser Merkmale erscheint die Introspektion unserem epistemischen Zugang zur Außenwelt überlegen. Denn zum einen können wir uns hinsichtlich dessen, was in der Außenwelt vor sich geht, täuschen. Und zum anderen passieren in der Außenwelt ständig Dinge, von denen wir keine Kenntnis nehmen.

Die traditionelle Erklärung für diesen Kontrast besteht darin, daß unser epistemischer Zugang zur Außenwelt von den Erscheinungen abhängt, die ihre Bewohner, die materiellen Gegenstände, durch Einwirkungen auf unsere Sinnesorgane erzeugen. Da unsere Sinnesorgane, wie wir wissen, anfällig für Störungen sind, kann nicht ausgeschlossen werden, daß die Erscheinungen, mit denen wir hantieren, nicht mit der Außenwelt übereinstimmen. Unser epistemischer Zugang zur Innenwelt hingegen beruht nicht auf Erscheinungen. Denn sie ist ja nichts anderes als die Gesamtheit aller Erscheinungen. Unsere Innenwelt kann uns daher nicht wiederum durch andere Erscheinungen, Erscheinungen zweiter Stufe, gegeben sein – sie muß uns in einer unmittelbaren Weise, sozusagen leibhaftig, bewußt sein. Doch wenn uns die Innenwelt nicht vermittels Erscheinungen gegeben ist, gibt es keinen Raum für Irrtü 15 mer. Der Unterschied zwischen Erscheinung und Wirklichkeit ist hier aufgehoben: Die Wirklichkeit der Innenwelt erschöpft sich in ihrem Erscheinen.

Diese Überlegung soll nicht nur erklären, warum der epistemische Zugang zu unserer Innenwelt dem epistemischen Zugang zur Außenwelt überlegen ist; sie legt zudem nahe, daß zwischen den beiden epistemischen Zugängen ein asymmetrisches Abhängigkeitsverhältnis besteht. Auf der einen Seite scheint zu gelten, daß wir epistemischen Zugang zu unserer Innenwelt haben müssen, um etwas über die Außenwelt in Erfahrung bringen zu können. Denn um wissen zu können, was in der Außenwelt vor sich geht, müssen wir zunächst Klarheit darüber gewinnen, welche Erscheinungen in uns sind. Und diese Information liefert uns die Introspektion. Auf der anderen Seite scheint zu gelten, daß wir nicht unbedingt epistemischen Zugang zur Außenwelt haben müssen, um etwas über unsere Innenwelt herausfinden zu können. Um zu wissen, welche Erscheinungen in uns sind, ist es nicht notwendig, in Erfahrung zu bringen, wie die Außenwelt beschaffen ist. Wir wären selbst dann in der Lage zu wissen, welche Erscheinungen gegenwärtig unseren Geist erfüllen, wenn wir alles, was wir über die Außenwelt zu wissen glauben, einklammern würden. Das ist zumindest die Pointe

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen