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Freundschaft in finsteren Zeiten Die Lessing-Rede mit Erinnerungen von Richard Bernstein, Mary McCarthy, Alfred Kazin und Jerome Kohn von Arendt, Hannah (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 18.10.2018
  • Verlag: Matthes & Seitz Berlin Verlag
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Freundschaft in finsteren Zeiten

Die politische Dimension der Freundschaft entfaltet Hannah Arendt in ihren klassisch gewordenen 'Gedanken zu Lessing', die das gemeinsame Interesse an der Welt betonen. Denn die geschlossene Welt der 'Brüderlichkeit', in die 'Erniedrigte und Beleidigte' sich ehemals zurückziehen konnten, ist in 'finsteren Zeiten' zerstört worden, der Rückzug ins Private gescheitert und das Vergangene nicht zu bewältigen. Hannah Arendt setzt diesen verlorengegangenen Möglichkeiten eine Vision der Freundschaft entgegen, deren politische Leidenschaft vom gemeinsamen Interesse für die Welt lebt. Ihre ebenso polemische wie tröstende Auffassung des Miteinanders erhält im Licht der gegenwärtigen Polarisierung der Gesellschaft und politisch-gesellschaftlicher Krisen neue Bedeutung und Kraft. Hannah Arendt, 1906 in Hannover geboren, studierte Philosophie, Theologie und Griechisch unter anderem bei Heidegger, Bultmann und Jaspers, bei dem sie 1928 promovierte. 1933 emigrierte sie nach Paris, 1941 nach New York. Von 1946 bis 1948 war sie als Lektorin, danach als freie Schriftstellerin tätig. Sie war Professorin für Politische Theorie in Chicago und lehrte ab 1967 an der New School for Social Research in New York, wo sie 1975 starb.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 142
    Erscheinungsdatum: 18.10.2018
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783957576569
    Verlag: Matthes & Seitz Berlin Verlag
    Größe: 383 kBytes
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Freundschaft in finsteren Zeiten

Matthias Bormuth
Im Spiegel Lessings oder Eine Republik der Freunde

Einleitung

Ich habe nichts getan
ich wollte einfach verstehen
Zbigniew Herbert
I

"Mit großer Freude lesen wir eben, liebe Hannah, von der Verleihung des Lessing-Preises an Sie." So telegrafiert Karl Jaspers Ende Januar 1959 nach New York. Hannah Arendt antwortet ihrem Heidelberger Lehrer dankbar und salopp: "Ja, ein Lessingpreis [...]. Überhaupt haben Sie mir den natürlich eingebrockt: die Vorrede zu der 'Totalen Herrschaft' und dann die Paulskirche." Was verbirgt sich hinter diesen Andeutungen?

Wenige Monate zuvor war Arendt einer größeren Öffentlichkeit in Deutschland mit der Laudatio bekannt geworden, die sie zur Verleihung des renommierten Friedenspreises des deutschen Buchhandels an Jaspers gehalten hatte. In Frankfurt sprach sie vom "Wagnis der Öffentlichkeit", das der politische Philosoph nach 1945 eingegangen war, um die kantische Idee der Freiheit gegenüber totalitären Gefahren zu verteidigen. Ihr erstes Buch The Origins of Totalitarianism stand in dieser Tradition. Schon die amerikanische Ausgabe von 1951 war eingeleitet von Jaspers' zeitpolitisch-philosophischem Appell: "Weder dem Vergangenen anheimfallen noch dem Zukünftigen. Es kommt darauf an, ganz gegenwärtig zu sein." Für die deutsche Ausgabe war auch seine Vorrede eine wichtige Markierung. Jaspers schloss darin: "Die Denkungsart dieses Buches aber ist deutscher und universaler Herkunft, geschult an Kant, Hegel, Marx und an deutscher Geistes wissenschaft, dann wesentlich an Montesquieu und Tocqueville." Arendt gehörte mit der großen Resonanz, die Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft auslöste, auch im deutschen Sprachraum zu den westlichen Denkern, die als liberale Aufklärer gegen die totalitären Mächte der Freiheit des Einzelnen und der Völker das Wort sprachen.

Ihr eigener Essay "Bürger der Welt", geschrieben zu dieser Zeit für den Jaspers-Band der Library of Living Philosophers , spiegelte das ihnen gemeinsame Selbstverständnis nochmals genauer in Kants Idee des Weltbürgertums: "Eine Philosophie der Menschheit unterscheidet sich von einer Philosophie des Menschen dadurch, daß sie darauf besteht, daß nicht der Mensch, im einsamen Dialog zu sich selbst redend, die Erde bevölkert, sondern die Menschen, die miteinander reden und sich verständigen." Arendt erinnerte zudem an Jaspers' Idee der Achsenzeit und ihre prophetischen Gestalten: "Überall treten große Persönlichkeiten auf, die sich nicht länger auffassen [...] als bloße Mitglieder bestimmter sozialer Gebilde, sondern die sich selber als Individuen begreifen und neue individuelle Lebensweisen entwerfen [...]."

Gegen diesen aufklärerischen Individualismus setzte sie in kritischer Abstufung Hegels gedanklich beeindruckende Philosophie der Geschichte , deren Stichwort der "Schlachtbank der Geschichte" in den Budapester Ereignissen kurz zuvor grausame Realität geworden war. Ihr Traktat Die ungarische Revolution skizzierte entsprechend den sowjetischen Terror und pries den "Drang nach Gedankenfreiheit", den die Bürgerräte dagegen in einer auseinanderfallenden Welt der Unterdrückung entwickelt hatten, auch wenn sie zuletzt unterlegen waren. Dem Geist solcher auf Freiheit bedachter Foren selbstverantwortlicher Bürger gehörte Arendts ganze Leidenschaft: "Was die Revolution vorwärtstrieb, war nichts als die elementare Kraft, entsprungen aus dem Zusammenhandeln eines ganzes Volkes [...]. Die russischen Truppen sollten sofort das Land verlassen und freie Wahlen sollten stattfinden, um die neue Regierung zu bilden. Hier ging es [...] einzig darum, eine Freiheit, die bereits eine vollendete Tatsache war, zu stabilisieren und die für sie geeignet

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