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Handlung, Glück, Moral Philosophische Aufsätze von Wolf, Ursula (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 20.01.2020
  • Verlag: Suhrkamp
eBook (ePUB)
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Handlung, Glück, Moral

Ist Moralität notwendig für das Glück? Formuliert aus der Sicht des Individuums, das sich mit moralischen Forderungen konfrontiert sieht, verlangt diese Frage eine Erweiterung der Moraltheorie zu einer Theorie des guten Lebens. Diese setzt wiederum eine Klärung der Struktur menschlichen Handelns und Lebens voraus. In den hier vorliegenden Aufsätzen aus drei Jahrzehnten versucht die Autorin, von unterschiedlichen Problemen wie etwa der Willensschwäche und dem Zusammenhang von Tugend und Glück ausgehend, das antike Bemühen um eine solche Ethik im umfassenden Sinn wiederaufzunehmen und fortzuführen. Ursula Wolf ist Seniorprofessorin für Philosophie an der Universität Mannheim. Im Suhrkamp Verlag ist erschienen: Eigennamen. Dokumentation einer Kontroverse .

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 350
    Erscheinungsdatum: 20.01.2020
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783518763643
    Verlag: Suhrkamp
    Größe: 1631 kBytes
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Handlung, Glück, Moral

26 Alte tote weiße Europäer

Bernard Knox über die aktuelle Bedeutung der Antike

Das Interesse an den alten Sprachen geht immer weiter zurück. Vielleicht hängt es mit 1968 zusammen. Die kritische Hinterfragung überkommener Vorstellungen hat auch die Ideale des Bildungsbürgertums mit ihrem geschönten Vorbild der Griechen zum Einsturz gebracht. Das Griechische und das Lateinische werden zu Lerninhalten wie anderes, und da sie uns eher fern sind, gibt es wenig Motive, sie zu wählen. Daß das nicht notwendig so ist, zeigt die Rolle, die das klassische Bildungsideal nach wie vor in England spielt. Vielleicht hat die stärker empirische und pragmatische Mentalität der Engländer weniger idealisiert, so daß die Antike von vornherein nicht zu einem hohen Vorbild wurde, das bei kritischer Betrachtung um so tiefer stürzen mußte.

Aufschlußreich ist der amerikanische Bildungskrieg. Der Angriff auf die alten Sprachen entspringt dort nicht einer Kritik an unglaubwürdigen Idealisierungen. Vielmehr ist es ein moralischer Angriff, der aus dem feministischen und dem postmodernen Lager kommt. Der Vorwurf lautet: Als selbstverständliches Bildungsgut sind die alten Sprachen zugleich eine Diskriminierung der Frauen und Mißachtung anderer Kulturen. Denn die Alten, deren Schriften wir lesen, waren Männer, sie waren weiß, und sie waren Europäer: eine Subspezies der Menschheit, die "Dead White European Males", wird bevorzugt. Das verstößt gegen die Prinzipien der Gleichheit und Gerechtigkeit.

Auch wenn diese Auseinandersetzung in Europa wenig virulent ist, sind die Argumente der angegriffenen Seite für uns doch aufschlußreich. Der englische Gräzist Bernard Knox sagt in seiner Essaysammlung "The Oldest Dead White European Males and Other Reflections on the Classics" (New York und London 1993):

Der Primat der Griechen im Kanon der westlichen Literatur ist weder ein Zufall noch das Ergebnis einer von oben auferlegten Verordnung. Er geht schlicht und einfach auf den inneren Wert des Materials zurück, auf seine Originalität und Brillanz. Was das multikulturelle Curriculum betrifft, das Ideal der heutigen radikalen Akademiker, so gibt es sicher keine guten 27 Gründe gegen den Versuch, neuen Stoff aufzunehmen, der den Studierenden eine umfassendere Sicht vermittelt. Aber dieser neue Stoff wird sich mit dem alten messen müssen, und wenn er sich nicht auf demselben hohen Niveau bewegt, wird er früher oder später von den Studierenden selbst mit Geringschätzung zurückgewiesen werden. Nur ein totalitäres Regime kann das Studium zweitrangiger Texte oder überlebter Philosophien auf Dauer durchsetzen. Solange die ganz und gar griechische Vorstellung vom Wettkampf freies Spiel hat, muß man sich keine Sorge über die künftige Stellung der Griechen im Lehrplan machen. Selbst wenn sie hier und dort vorübergehend ausrangiert werden, werden sie sich ihren Platz zurückerobern. Sie haben die Probe der Zeit bestanden, länger als zweitausend Jahre, und sie sind ein Element unseres Charakters, unserer Natur geworden.

Diese Verteidigung der klassischen Bildung schätzt ihren Gegenstand realistisch ein. Bernard Knox setzt sich in dem Titel-Essay seines Buches kritisch mit den alten Griechen auseinander, und eine solche kritische Tendenz ist in der gesamten neueren angelsächsischen Literatur verbreitet. Knox verteidigt nicht die politische und gesellschaftliche Rechtlosigkeit der Frau in der Antike, weist aber auf die große Bedeutung der Frauenrollen in Tragödie und in Literatur hin. Er zeigt, daß der Verzicht auf eine Idealisierung der Antike ihre Bedeutung nicht schmälert. Vielmehr wird dadurch ein Dialog möglich, in dem sich erweist, daß die Griechen zwar nicht immer recht behalten, aber standhalten.

Nun haben auch Shakespeare und andere den Zeittest bestanden: Steht dies alles also auf einer Ebene mit den Griechen, oder haben sie darüber hinaus ein Gewicht? Knox antwortet

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