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In der Gegenwart Übungen zum politischen Denken II von Arendt, Hannah (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 02.05.2017
  • Verlag: Piper Verlag
eBook (ePUB)
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In der Gegenwart

Die Essays der weltberühmten Philosophin haben nachhaltig das politische Denken in Europa und in den USA bestimmt. 'Das einzige Ziel dieser Essays ist', schreibt Hannah Arendt, 'Erfahrungen darin zu erwerben, wie man denkt. Sie enthalten keine Vorschriften darüber, was gedacht werden soll.' Hannah Arendt, am 14. Oktober 1906 in Hannover geboren und am 4. Dezember 1975 in New York gestorben, studierte Philosophie, Theologie und Griechisch unter anderem bei Heidegger, Bultmann und Jaspers, bei dem sie 1928 promovierte. 1933 emigrierte sie nach Paris, 1941 nach New York. Von 1946 bis 1948 war sie als Lektorin, danach als freie Schriftstellerin tätig. Sie war Professorin für Politische Theorie in Chicago und lehrte ab 1967 an der New School for Social Research in New York. Zuletzt erschien bei Piper 'Was heißt persönliche Verantwortung in einer Diktatur?'.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 496
    Erscheinungsdatum: 02.05.2017
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783492964463
    Verlag: Piper Verlag
    Größe: 1068 kBytes
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In der Gegenwart

(1) Das "deutsche Problem" ist kein deutsches Problem [1]

Beim "deutschen Problem", von welchem heutzutage die Rede ist, handelt es sich um eine Ausgrabung aus der Vergangenheit, und wenn dieses Fundstück jetzt einfach als das Problem germanischer Aggression präsentiert wird, dann geschieht dies wegen der sanften Hoffnungen, die man sich auf eine Restauration des Status quo in Europa macht. Angesichts des Bürgerkriegs, der den Kontinent überzieht, war es deshalb anscheinend notwendig, zuerst einmal die Bedeutung des Krieges im Sinne des 19. Jahrhunderts als eines rein nationalen Konflikts zu "restaurieren", in welchem eher Länder als Bewegungen und eher Völker als Regierungen Niederlagen erleiden und Siege erringen.

Folglich liest sich die Literatur über das "deutsche Problem" größtenteils wie eine revidierte Ausgabe der Propaganda aus dem letzten Krieg [d.h. dem Ersten Weltkrieg [1] ], die lediglich den offiziellen Standpunkt mit dem passenden historischen Wissen ausschmückte und im übrigen nicht besser oder schlechter war als ihr deutsches Pendant. Nach dem Waffenstillstand ließ man die Papiere dieser belesenen Herrschaften auf beiden Seiten einer barmherzigen Vergessenheit anheimfallen. Der einzige interessante Aspekt dieser Literatur war der Eifer, mit welchem Wissenschaftler und Schriftsteller von internationalem Ruf ihre Dienste anboten - nicht um unter Einsatz ihres Lebens ihr Land zu retten, sondern um unter äußerster Geringschätzung der Wahrheit ihrer Regierung zu dienen. Der einzige Unterschied zwischen den Propagandisten der beiden Weltkriege besteht darin, daß diesmal eine ganze Reihe von Personen, die früher den deutschen Chauvinismus mit zusammengebraut haben, sich selbst den alliierten Mächten als "Experten" für Deutschland zur Verfügung gestellt haben, ohne durch diesen Wandel irgend etwas von ihrem Feuereifer oder ihrer Unterwürfigkeit einzubüßen.

Diese Experten des "deutschen Problems" sind die einzigen Überbleibsel des letzten Krieges. Während jedoch ihre Anpassungsfähigkeit, ihre Dienstbereitschaft und ihre Angst vor intellektueller und moralischer Verantwortung konstant geblieben sind, hat sich ihre politische Rolle geändert. Im Ersten Weltkrieg, der seinem Wesen nach kein ideologischer Krieg war, hatte man die Strategien der politischen Kriegführung noch nicht entdeckt, und die Propagandisten, die das Nationalgefühl des Volkes weckten oder ihm zum Ausdruck verhalfen, waren kaum etwas anderes als Moral-Aufbauer. Wenn man nach der ziemlich allgemeinen Verachtung urteilt, die ihnen von den Fronttruppen entgegengebracht wurde, versagten sie vermutlich sogar bei dieser Aufgabe; doch ansonsten waren sie sicherlich ganz bedeutungslos. In der Politik hatten sie nichts zu sagen, noch waren sie das Sprachrohr der Politik ihrer jeweiligen Regierungen.

Heute jedoch ist Propaganda an sich nicht mehr effektiv, insbesondere wenn sie vorzugsweise mit nationalistischen und militärischen anstatt mit ideologischen und politischen Begriffen operiert. Haß, beispielsweise, ist ganz offenkundig nicht vorhanden. Die Wiederbelebung des "deutschen Problems" hat deshalb bloß einen negativen Propagandaerfolg gezeitigt: Viele, die sich angewöhnt haben, die Greuelgeschichten des letzten Krieges abzutun, weigern sich schlicht zu glauben, daß es sich dieses Mal um grausige Wirklichkeit handelt, weil sie ihnen in der alten Form nationaler Propaganda dargeboten wird. Das Gerede vom "ewig gleichen Deutschland" und dessen ewigen Verbrechen dient nur dazu, den Schleier der Skepsis über Nazideutschland und dessen gegenwärtige Verbrechen zu breiten. Als 1939 - um nur ein Beispiel zu nennen - die französische Regierung die Parolen des Ersten Weltkriegs aus dem Arsenal hervorholte und das Schreckgespenst vom "Nationalcharakter" Deutschlands verbreitete, bestand die einzige sichtbare Wirkung darin, daß der Terror der Nazis nicht für vol

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