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Kritik aus Passion Studien zu Jean Améry

  • Verlag: Wallstein
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Kritik aus Passion

Jean Amery (1912 - 1978) schrieb brillante Essays, denen seine Erfahrungen als Überlebender des Holocaust zugrunde lagen. Über die autobiographischen Essays hinaus wirkte er als unzeitgemäßer Intellektueller, der aus linksliberaler Perspektive die Philosophien betrachtete, die das gesellschaftliche Feld beherrschten, so etwa die Philosophie Heideggers, Adornos und Foucaults. Zuletzt trieb er in seinem Diskurs über den Freitod die Position des radikalen Moralisten, der gesellschaftlich kein Gehör findet, auf die Spitze und stilisierte ihn gleichsam zum säkularen Märtyrer der Wahrheit.

Produktinformationen

    Format: PDF
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 228
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783835320802
    Verlag: Wallstein
    Größe: 834kBytes
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Kritik aus Passion

Martin Vialon (S. 119-120)

Jean Améry – Philosoph der Aufklärung im Spiegel seiner Auseinandersetzung mit Theodor W. Adorno

Aufarbeitung der Vergangenheit als Aufklärung ist wesentlich solche Wendung aufs Subjekt. Verstärkung von dessen Selbstbewußtsein und damit auch von dessen Selbst.
Theodor W. Adorno: Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit, 1959

Die kritische Aufklärung steht, gesellschaftlich, an einem Punkt, wo sie sich sozial nur bewähren kann, wenn sie sich sprachlich radikal entschlackt. Anders wird sie versagen – vielleicht früher und dramatischer, als wir es uns in den schlimmsten Befürchtungen auszumalen vermögen.
Jean Améry: Jargon der Dialektik,1967

1. Einleitung

Über Jean Améry (1912-1978), den österreichischen Intellektuellen jüdischer Herkunft, der katholisch erzogen wurde und eigentlich Hans (Chaim) Maier heißt, zu sprechen, ist nicht leicht. Sein literarisch-philosophisches Werk zeichnet insbesondere eine seltene Authentizität in der Weise aus, wie die körperlich und seelisch erlittenen Schmerzen darin eingehen, welche er zuerst als Mitglied einer belgisch-kommunistischen Widerstandsgruppe nach der Verhaftung durch die SS im Juli 1943 in Brüssel und dann im Holocaust erfuhr. Als Überlebender von Auschwitz sah er sich deshalb veranlaßt, sein intellektuelles Selbst im Sinne des aufklärerischen sapere aude vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen zu entwickeln. Erster und vielleicht prägnantester Ausdruck dessen ist seine 1966 erstmals publizierte Essaysammlung Jenseits von Schuld und Sühne.

Sie steht im Mittelpunkt dieser Untersuchung zu Améry, vor allem mit dem Aufsatz "Die Tortur", der in der vorhergehenden Einzelpublikation die Aufmerksamkeit von Theodor W. Adorno auf sich zog. Der Frankfurter Sozialphilosoph war derjenige, der Amérys Erfahrungen im Holocaust in den Vorlesungen zur Metaphysik2 einem größeren studentischen Publikum in Frankfurt 1965 vorstellte und ihn anschließend – allerdings knapper und ohne Nennung des Namens – in seinem philosophischen Hauptwerk, der Negativen Dialektik, kritisch würdigte.

In den jüdischen Denkern Jean Améry und Theodor W. Adorno treffen zwei Protagonisten aufeinander, deren Bezug zum Holocaust ein jeweils ganz unterschiedlicher war. Während Jean Améry als Überlebender der Zerstörungsmaschinerie, gleichsam aus traumatischer Vertrautheit mit der Realgeschichte seine Reflexionen anstellt, bettet Theodor W. Adorno seine Gedanken in eine Kritik von Martin Heideggers Fundamentalontologie ein, die "drastische Schuld des Verschonten" empfindend und davon träumend, daß er "1944 vergast worden wäre".

Beide waren sich darüber im Klaren, daß das Gedenken an den Holocaust gesellschaftlich kaum als Pflicht gegenüber den Opfern wahrgenommen wurde; im Gegenteil: die Täter konnten auf einen breiten Konsens des Verschweigens innerhalb der Tätergesellschaft setzen. Eine historische Parallele zu der gesellschaftlichen Abwehr, die seit den fünfziger und sechziger Jahren in Westdeutschland gegenüber den NS-Kriegsverbrecherprozessen zu beobachten war, liegt im Genozid am armenischen Volk, begangen 1915 von türkischer Seite.

Zu den wenigen, die während der Zeit der NS-Prozesse auf den elementaren Zusammenhang zwischen dem Holocaust und dem Völkermord an den Armeniern auf dem fernab gelegenen Schauplatz in Kleinasien erinnerten, zählen Jean Améry und Theodor W. Adorno. Unter dem Begriff "Jahrhundert der Barbarei" weis

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