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Raster des Krieges Warum wir nicht jedes Leid beklagen von Butler, Judith (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 12.04.2010
  • Verlag: Campus Verlag
eBook (PDF)
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Raster des Krieges

Wenn wir lesen, dass in Afghanistan deutsche Soldaten sterben, sind wir betroffen. Das Schicksal gleichzeitig getöteter ziviler Dorfbewohner bekümmert uns deutlich weniger. Der Krieg, so erklärt Judith Butler diese unterschiedliche Wahrnehmung, dient uns als Deutungsrahmen, nach dem einige Leben mehr wert sind als andere. Zugleich ist der Krieg nur möglich, weil weitere Rahmen oder Raster ('frames') den bewaffneten Konflikt als notwendig erscheinen lassen. Anhand der Themen Folter, Fotografie, Einwanderungs- und Sexualpolitik, Rassismus und moderne Kriegsführung macht Butler deutlich, welche Rahmen unsere Wahrnehmung auf welche Weise beeinflussen. Insbesondere sucht sie all diejenigen einzubeziehen, deren Leben im derzeit vorherrschenden westlichen Rahmen gar nicht oder nur als zu vernachlässigendes Leben vorkommt und deren Tod in diesem Rahmen kaum betrauert werden kann. Sie betont, dass alles Leben 'prekär' ist, angewiesen auf Unterstützung und Hilfe - das Leugnen dieses ungeschützten, gefährdeten Lebens ist der erste Schritt auf dem Weg in den Krieg.

Judith Butler, geb. 1956, ist Professorin für Rhetorik und Komparatistik an der University of California, Berkeley. Sie ist eine der einflussreichsten Philosophinnen der Gegenwart und gilt als wichtigste Theoretikerin der Geschlechterforschung und Begründerin der Queer Theory. Ihre bekanntesten Bücher sind 'Das Unbehagen der Geschlechter' (1991), 'Körper von Gewicht' (1995) und 'Kritik der ethischen Gewalt' (2007).

Produktinformationen

    Format: PDF
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 180
    Erscheinungsdatum: 12.04.2010
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783593408682
    Verlag: Campus Verlag
    Originaltitel: Frames of War. When Is Life Grievable?
    Größe: 2762 kBytes
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Raster des Krieges

Kapitel 5: Der Anspruch auf Gewaltlosigkeit (S. 153-154)

Ich bezweifle stark, dass Gewaltlosigkeit ein Grundsatz sein kann, wenn wir mit "Grundsatz" eine starke Regel meinen, die mit der gleichen Zuversicht und in der gleichen Weise auf alle denkbaren Situationen angewendet werden kann. Eine andere Frage scheint zu sein, ob es einen Anspruch auf Gewaltlosigkeit gibt oder ob Gewaltlosigkeit ein Anspruch an uns ist. In diesem Fall ist die Gewaltlosigkeit ein Aufruf oder ein Appell an uns. Die entsprechende Frage lautet dann: Unter welchen Bedingungen sind wir für diesen Anspruch offen, was ermöglicht uns, ihn zu akzeptieren oder vielmehr, was ist die Voraussetzung dafür, dass dieser Anspruch überhaupt zu uns durchdringt?

Die Fähigkeit, sich auf diesen Anspruch einzulassen, hängt von seiner Form und von dem Rahmen ab, in dem er vorgebracht wird, aber auch von der Disposition unserer Sinne oder den Bedingungen der Rezeptivität selbst. Der Reagierende ist denn auch zwangsweise von Normen geprägt, die ihrerseits eine gewisse Gewalt ausüben und dem Subjekt seinerseits eine gewisse Gewaltneigung vermitteln können. Gewalt ist also demjenigen, an den der Aufruf zur Gewaltlosigkeit ergeht, durchaus nicht fremd, sie ist von Anfang an kein bloß "Fremdes". Gewalt und Gewaltlosigkeit sind nicht nur Taktiken oder Strategien, sie formen das Subjekt und gehören in einer fortwährenden inneren Auseinandersetzung zu seinen konstitutiven Möglichkeiten.

Damit ist schon gesagt, dass Gewaltlosigkeit Gegenstand des Kampfes einzelner Subjekte ist, aber auch, dass die auf das Subjekt einwirkenden Normen sozialer Art sind und dass die Bindungen, um die es in der Praxis der Gewaltlosigkeit geht, immer schon soziale oder gesellschaftliche Bindungen sind. Das "einzelne " Subjekt, das sich um Gewaltlosigkeit bemüht, bekennt sich damit immer schon zu seiner eigenen sozialontologischen Prägung.

In den Debatten zu diesem Thema geht man oft davon aus, dass sich Fragen des individuellen Verhaltens und des Gruppenverhaltens leicht voneinander trennen lassen, aber die Herausforderung der Gewaltlosigkeit ist vielleicht gar nichts anderes als die Infragestellung einer solchen doppelten Ontologie. Wird das "Ich" durch soziale Normen und von vornherein in Bezug auf konstitutive soziale Bindungen geformt, dann bedeutet das, dass jede Form von Individualität eine soziale Determination darstellt. Umgekehrt sind Gruppen nicht nur voneinander abgegrenzt, sondern bestehen aus inneren Differenzierungen, was voraussetzt, dass die Singularisierung wesentliches Merkmal alles Sozialen ist.

Das Problem lässt sich mit Einsichten dieser Art jedoch nicht lösen, auch wenn sie meiner Auffassung nach für jede Erörterung der Frage nach der Gewaltlosigkeit von entscheidender Bedeutung sind. Wir müssen fragen: "Gewaltlosigkeit gegenüber wem?" und "Gewaltlosigkeit gegenüber was?" Hier sind Unterscheidungen zu treffen, etwa zwischen Gewalt gegen Personen, Gewalt gegen empfindungsfähige Wesen, gegen Eigentum oder gegen die Umwelt."

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