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Richard Rorty zur Einführung von Reese-Schäfer, Walter (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 22.06.2016
  • Verlag: Junius Verlag
eBook (ePUB)
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Richard Rorty zur Einführung

Richard Rorty (1931-2007), einst Außenseiter und Enfant terrible der analytischen Philosophie, war neben Jürgen Habermas und Jacques Derrida eine intellektuelle Leitfigur des 20. Jahrhunderts. Seine scharfe Kritik des Abbildcharakters der Philosophie fand eine Reihe von Schülern, u.a. Robert Brandom. Diese Einführung stellt das Gesamtwerk Rortys einschließlich der späten Texte zur amerikanischen Linken, zur Verwestlichung der Welt und gegen ein reaktionäres Bündnis zwischen Ökonomie und Regierungspolitik übersichtlich dar. Der erste Teil des Bandes entwickelt argumentativ Rortys philosophische Positionen, der letzte Teil widmet sich jener besonderen Mischung von Literatur, Politik und Philosophie, die Rorty als Erben einer linken Tradition von New Yorker Intellektuellen um den Partisan Review erscheinen ließ. Walter Reese-Schäfer ist Professor für Politische Theorie und Ideengeschichte an der Georg-August-Universität Göttingen.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 176
    Erscheinungsdatum: 22.06.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783960600183
    Verlag: Junius Verlag
    Serie: Zur Einführung 323
    Größe: 527 kBytes
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Richard Rorty zur Einführung

3.3 Gegen die Idee einer Erkenntnistheorie

Hauptangriffspunkt von Rortys Generalkritik an der Philosophie ist die Idee einer "Erkenntnistheorie". Insofern ist sein Denken grundsätzlich gegen Kant gerichtet, denn durch Kant wurde die Erkenntnistheorie und damit die Philosophie selbst zur Fundamentaldisziplin aller übrigen Wissenschaften. Genaugenommen waren es allerdings erst die Neukantianer der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts, die "den Terminus 'Erkenntnistheorie' zu seiner jetzigen akademischen Würde promovierte(n)" 14 . Erst im Rückblick aus dieser Perspektive hat man dann die Wurzeln der Besinnung auf unser Erkenntnisvermögen in Descartes' Meditationen über die Erste Philosophie und in Spinozas Abhandlung über die Verbesserung des Verstandes aufgefunden. Manchmal wird diese neuere Fragestellung sogar auf die Antike zurückprojiziert. Der Gedanke einer Erkenntnistheorie wurde sich jedoch in Wirklichkeit "erst bei Kant seiner selbst bewußt und erst spät im neunzehnten Jahrhundert in die Struktur akademischer Institutionen und in das feste und unbeirrte Selbstverständnis der Philosophieprofessoren eingebaut" (SN 150). Für Thomas Hobbes etwa gab es diese Idee, dass die Philosophie über der Wissenschaft, der Religion und der Kunst stehe und ihnen allen den ihnen zustehenden Bereich zuweise, noch nicht. Für ihn war sie von Wissenschaft nicht unterschieden. Er definierte sie als "eine Erkenntnis der Wirkungen oder Erscheinungen, die durch korrektes Schließen aus ihren bekannten Ursachen oder Ursprüngen erworben wurde, sowie umgekehrt der möglichen Ursprünge aus den bekannten Wirkungen" 15 .

Im Mittelalter war die Metaphysik die Königin der Wissenschaften, weil sie mit dem Allerallgemeinsten, dem Allerhöchsten (z.B. den Gottesbeweisen) und dem am wenigsten Materiellen befasst war (SN 150). Und diese Königswürde war seit Francis Bacon und Thomas Hobbes durch eine nüchterne, fast handwerkliche Wissenschaftlichkeit bedroht.

Erst Kant gelang es, die Metaphysik in einer neuen, zeitgemäßeren, aber auch verdünnten Form als Erkenntnistheorie wieder zu einer Fundamentaldisziplin zu machen. Als sie sich in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts mit dem Schlachtruf der Neukantianer "Zurück zu Kant!" durchsetzte, war dies die kühle, die rationale Antwort auf die großen Systeme, mit denen Fichte, Schelling und Hegel die intellektuelle Szene Deutschlands und damit des philosophischen Denkens jener Zeit dominiert hatten und an die um 1850 niemand mehr recht glaubte.

Der Untergang des spekulativen Idealismus hatte nicht nur befreiende Wirkungen. Er brachte auch eine besondere Art von Öde in das philosophische Denken, die William James in einem berühmten Brief an George Santayana vom 2. Mai 1905 das "fade Grau in Grau unserer kahlköpfigen Ph.D.'s" nannte, "die einander in den Seminaren langweilen, diese gräßlichen Literaturberichte in Philosophical Review und anderswo schreiben, sich von 'Sekundärliteratur' ernähren und niemals 'Ästhetik' und 'Erkenntnistheorie' verwechseln" 16 . Heute würde eine solche Briefpassage wahrscheinlich schließen: "[...] und es niemand mehr wagt, einen naturalistischen Fehlschluß zu begehen". Abgesehen vielleicht von den kahlen Köpfen, die eine Spezialität der damaligen Zeit gewesen sein müssen, trifft diese Charakterisierung auch heute noch auf eine große Zahl unserer philosophischen Seminare in England, den USA und Deutschland zu.

Das Erfrischende an Rortys Ansatz ist, dass er die Entstehungsgeschichte und die Hintergründe dieser Ödnis aufdeckt und einen "neuen Ton" in die Philosophie zu bringen versucht. Sein Denken hatte wohl deshalb zuerst bei den Studenten Erfolg und geriet über deren Beiträge in den akademischen Diskurs - während der Einfluss der sprachanalytischen Philosophie von einer ganz anderen akademis

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