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Warum erwachsen werden? von Neiman, Susan (eBook)

  • Erschienen: 23.02.2015
  • Verlag: Hanser
eBook (ePUB)
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Warum erwachsen werden?

Unsere Kultur verklärt die Zeit der Jugend mehr, als Peter Pan zu träumen gewagt hätte. Und alles, was danach kommt, erscheint als unaufhaltsamer Niedergang. Doch schon Kant wusste, dass Unmündigkeit einfacher ist - für den Einzelnen, vor allem aber für staatliche Obrigkeiten, denen infantilisierte Konsumenten lieber sind als selbstdenkende Bürger. Susan Neiman wendet sich gegen diese resignative Sicht auf das Erwachsensein. Sie liest die Philosophen neu und plädiert mit Rousseau und Kant: Nehmen wir uns die Freiheit, etwas vom Leben zu verlangen! Denn Reife bedeutet nicht das Ende aller Träume, sondern ein subversives Ideal: das Leben in seiner Widersprüchlichkeit zu ergreifen und glücken zu lassen.

Susan Neiman, 1955 in Atlanta, Georgia, geboren, war Professorin für Philosophie an den Universitäten Yale und Tel Aviv, bevor sie im Jahr 2000 die Leitung des Einstein Forums in Potsdam übernahm. Auf Deutsch erschien von ihr zuletzt Moralische Klarheit (2010). Sie lebt in Berlin.

Produktinformationen

    Größe: 3916kBytes
    Herausgeber: Hanser
    Übersetzer: Übersetzung: Bischoff, Michael
    Untertitel: Eine philosophische Ermutigung
    Sprache: Deutsch
    Seitenanzahl: 240
    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    ISBN: 9783446248694
    Erschienen: 23.02.2015
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Warum erwachsen werden?

Mögliche Welten

Eine wichtige Frage gleich vorab: Ist die Philosophie überhaupt imstande, uns etwas über einen so vielgestaltigen Prozess wie das Erwachsenwerden zu sagen? Philosophen handeln mit allgemeinen Wahrheiten - manche suchen immer noch nach solchen notwendiger oder universeller Art -, doch schon wenige empirische Daten zeigen, dass Erwachsenwerden etwas Besonderes ist. In Samoa aufwachsen ist nicht dasselbe wie in Southampton aufwachsen. Selbst innerhalb ein und derselben Kultur können Jahrzehnte einen beträchtlichen Unterschied ausmachen, und nach Jahrhunderten ist das Terrain oft nicht wiederzuerkennen. Der französische Historiker Philippe Ariès behauptete, im frühen Mittelalter habe es den Begriff der Kindheit in Europa nicht gegeben; vor dem 12. Jahrhundert habe man Kinder nicht für beachtenswert genug gehalten, um sie auf Gemälden zu porträtieren, und wenn doch, so malte man sie als kleine Erwachsene, die sich weder in Merkmalen noch im Ausdruck von diesen unterschieden. Spätere Historiker kritisierten Ariès, er habe allzu rasch von der Ikonographie auf die Begriffe geschlossen, doch seine wichtigste Erkenntnis hat heute noch Bestand: Welche Vorstellung das Mittelalter auch immer von der Kindheit hatte, sie war nicht dieselbe wie unsere heutige. Wenn wir uns auf Bilder konzentrieren, können wir uns sogar fragen, ob Ariès' Vorstellung von Kindheit mit unserer heutigen übereinstimmt. Als er 1960 sein epochales Werk über die Geschichte der Kindheit schrieb, konnte er sich da vorstellen, wie leicht manche von uns heute Babyvideos aufnehmen und miteinander teilen, die abgesehen von einigen wenigen Sozialwissenschaftlern allenfalls für die Großeltern des Babys oder dessen zukünftigen Ehepartner interessant sein dürften?

Sicher veränderte sich etwas, als dies möglich wurde, aber nichts davon war so dramatisch wie die Veränderungen, die eintraten, als die Menschen anfingen, es für selbstverständlich zu halten, dass ihr Nachwuchs das Kleinkindalter überlebte. Im 17. Jahrhundert waren französische Kinder mit Geburt und Tod ebenso vertraut wie mit der Sexualität, und das nicht nur in Bauernhäusern, wo das Leben unausweichlich in einem einzigen Raum stattfand. Das Tagebuch des königlichen Leibarztes Héroard enthält Beobachtungen wie diese, die festgehalten wurden, als der zukünftige König Ludwig XIII. ein Jahr alt war: "Er lacht aus vollem Halse, als die Kinderfrau mit den Fingerspitzen seinen Pimmel hin und her bewegt." Ein reizender Scherz, den das Kind sich unverzüglich zunutze macht: "Mit einem Heh! (macht er einen Pagen auf sich aufmerksam), hebt seinen Rock hoch und zeigt ihm seinen Pimmel. [...] Sehr lustig, übermütig; läßt jeden seinen Pimmel küssen." 8

In unserem aktuellen Eifer, Jahrzehnte wettzumachen, in denen der Kindesmissbrauch ignoriert wurde, sollten wir uns daran erinnern, dass nicht jede Form von Aufmerksamkeit für die kindliche Sexualität als Missbrauch zu werten ist. Im Frankreich der frühen Neuzeit galt solch ein Verhalten als vollkommen normal, und zwar bis zum Alter von sieben oder acht Jahren, danach erwartete man von Kindern mehr Zurückhaltung im Umgang mit Sexualität. Das ist so weit entfernt von viktorianischen Erwartungen hinsichtlich kindlicher Unschuld oder von unserer gegenwärtig verstärkten Besorgnis über Kinderschänder, dass man durchaus die Frage stellen kann, ob es in diesen drei Epochen wirklich dasselbe war, den Körper eines Kindes zu haben.

Den Verstand eines Kindes zu haben konnte nicht dasselbe sein in einer Zeit, die noch nicht die Bedeutung der Erziehung hervorhob oder die Kinder in neuen, als Schulen bezeichneten Institutionen von den Erwachsenen trennte. Im frühmittelalterlichen Europa holte man die Kinder zumeist in die Arbeitswelt der Erwachsenen hinein, sobald sie alt genug waren, eine Werkstatt auszufegen. Die Erwartung, Jungen sollten von den Erwachsenen getrennt werden und einen Ausbildungsprozess genießen ode

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