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Was ist deutsch? Adornos verratenes Vermächtnis von Trawny, Peter (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 07.11.2016
  • Verlag: Matthes & Seitz Berlin Verlag
eBook (ePUB)
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Was ist deutsch?

In Zeiten der Globalisierung ist der Streit über das, was "deutsch" sein soll, neu ausgebrochen. Eine 'deutsche Identität' wird zur politischen Forderung. Bereits in den 60er Jahren hatte Theodor W. Adorno sich die Frage, was "deutsch" sei, gestellt und eine noch heute aktuelle Antwort gegeben. Der Essay erinnert an sie und macht klar, inwiefern Adornos Nachfolger die Philosophie des kritischen Theoretikers verraten und in einer rechthaberischen Wissenschaftsesoterik verspielen.

Peter Trawny, geb. 1964 in Gelsenkirchen, lehrte an den Universitäten Wuppertal, Wien und Shanghai. Er ist Mitherausgeber der Martin Heidegger-Gesamtausgabe und veröffentlichte zuletzt "TKM.Technik.Kapital.Medium" und "Irrnisfuge. Heideggers An-archie."

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 107
    Erscheinungsdatum: 07.11.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783957573780
    Verlag: Matthes & Seitz Berlin Verlag
    Originaltitel: Was ist deutsch?
    Größe: 524 kBytes
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Was ist deutsch?

Adornos Deutschland

Was ist deutsch? - Adorno will die Frage "reflektieren". Der Begriff der Reflexion ist für Adorno zentral. Er hat darauf bestanden, dass Philosophen reflektieren müssen, ja, Denken heißt überhaupt Reflektieren. Dabei meint der Begriff weniger den bloß formalen Vollzug, sich noch einmal zu überlegen, was man sich gerade überlegt. Die reflexive Denkbewegung kommt vielmehr von selbst dazu, das Gedachte zu differenzieren. Sie verhält sich kritisch zu sich selbst. Reflexion und Kritik hängen zusammen.

Das geht über die Klärung des semantischen Gehalts von Aussagen hinaus. Reflexion ist für Adorno Denk-Ehrlichkeit. Stets reflektiert ein Selbst sich selbst angesichts des Anderen. Der Kritiker hat sich über den Ast zu unterrichten, an dem er sägt. Das hat Adorno recht weit getrieben. Für ihn hatte z. B. der Universitätslehrer den Zustand der Institution, die ihn ja immerhin nährte, widerständig zu durchleuchten. Kritik wird dann unvermeidbar Selbstkritik. Kein Ort der Kritik, der nicht ihr selbst ausgesetzt ist. Sie legitimiert sich einzig und allein reflexiv. Philosophie ist in weiten Teilen gar nichts anderes als das.

Doch es gibt gewiss noch einen anderen Grund für Adornos nicht unironische Bemerkung, dass "zuvor" "über die Frage selbst zu reflektieren" 8 sei. Insofern die Reflexion eine Tätigkeit des Intellekts und Intellektuellen ist, wurde die Tätigkeit zur Zeit des "Dritten Reichs" als undeutsch und d. h. als "jüdisch" 9 betrachtet. Adorno war sich von Anfang an bewusst, dass ein Pochen auf der Reflexion viele Deutsche störte. Noch heute klingt das Wort nach Untätigkeit, nach überflüssiger Vorsicht, nach Zögerlichkeit. "Kritische Selbstbesinnung" hatte damals, zwanzig Jahre nach dem Kriegsende, den Charakter der "Nestbeschmutzung" 10 . Nicht nur die "Äußerung unbequemer Gedanken, sondern diese selbst" sollten verhindert werden. Welcher Deutsche kritisierte das Deutschsein? Auf Defätismus stand im Krieg die Todesstrafe - Nibelungen sind treu.

Resultat der Reflexion war eine Kritik der Frage. Die "Bildung nationaler Kollektive" gehorche einem "verdinglichenden, zur Erfahrung nicht recht fähigen Bewußtsein". Sie halte sich "innerhalb jener Stereotypen, die vom Denken gerade aufzulösen wären". Das "Wahre und Bessere in jedem Volk" sei "wohl vielmehr, was dem Kollektivsubjekt nicht sich" einfüge, "womöglich ihm widerstehe". 11 "Stereotypenbildung" fördere den "kollektiven Narzissmus", vor allem dann, wenn die Stereotypen von der Überlegenheit des Eigenen über das Andere erzählen.

Ein der Erfahrung zugängliches Bewusstsein bewege sich nicht in kollektiven Zuschreibungen wie denen, dass die Deutschen pünktlich, sauber und redlich seien. Abgesehen von der Ambivalenz solch "deutscher Tugenden", die vor kurzem noch besonders im Fußball gefeiert wurden 12 , wird die konkrete Praxis der Gemeinsamkeit durch eine Vielheit von Charakteren geprägt, die sich nur unter Preisgabe ihrer Individualität auf eine solche Identität festlegen ließen. Das Leben mit einem Anderen, das ich erfahre, erfahren muss, kristallisiert sich nicht in einer wie auch immer gearteten Nationalität. Mache ich aus meinem russischen Freund den Russen , habe ich das, was uns verbindet, schon aus den Augen verloren. Das bedeutet jedoch keineswegs, dass ich das potenziell Russische im Charakter dieses Freundes übersehe oder gar leugne.

Doch obwohl Adorno mit dieser Reflexion der Frage, was deutsch sei, ihre Legitimität abzusprechen scheint, nimmt er eine Definition des Deutschen auf, von der nun alle seine Erklärungen ausgehen. Die Bereitschaft dazu ist allerdings überaus wichtig. Sie bezeugt, dass Adorno der politischen Möglichkeit, in der deutschen Geschichte mehr zu sehen als nur eine Katastrophe, nicht ausgewichen ist. Richard Wagner war es nämlich, de

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