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Was ist Menschenwürde von Tiedemann, Paul (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 01.10.2014
  • Verlag: wbg Academic
eBook (ePUB)
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Was ist Menschenwürde

Jeden Tag werden wir durch die Medien mit Menschenrechtsverletzungen in aller Welt konfrontiert. Alle sind sich einig, dass der Mensch eine unantastbare Würde hat, selten wird aber gefragt, was genau gemeint ist, wenn von der Würde des Menschen gesprochen wird. Wie hat sich die Vorstellung von einer angeborenen und unveräußerlichen Würde entwickelt? Welche Konsequenzen wurden und werden gezogen aus dieser Konzeption? Der Band erläutert nicht nur die Entwicklung des juristischen Begriffs, sondern ordnet ihn geschichtlich und philosophisch ein. Dabei soll bewusst ein breites Publikum über die Bedeutung dieses Gedankens informiert werden, der gerade aktuell in Gefahr zu sein scheint und noch überall auf der Welt missachtet wird. Paul Tiedemann, geb. 1950, promovierter Jurist und promovierter Philosoph, ist Richter am Verwaltungsgericht Frankfurt am Main und Lehrbeauftragter für Rechtsphilosophie an der Universität des Saarlandes. Bei der WBG erschienen: "Über den Sinn des Lebens. Die perspektivische Lebensform" (Sonderausgabe 2006) und "Was ist Menschenwürde? Eine Einführung" (2. Auflage 2013).

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: AdobeDRM
    Seitenzahl: 207
    Erscheinungsdatum: 01.10.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783534736867
    Verlag: wbg Academic
    Größe: 1341 kBytes
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Was ist Menschenwürde

KAPITEL II

Die juristische Rezeption der Menschenwürde

In vielen Staaten, in denen die Menschenwürde als Verfassungsprinzip anerkannt ist, besteht jeweils ein mehr oder weniger intensiver juristischer Diskurs über den Inhalt und die Funktion der Menschenwürde, ohne dass irgendwo auf der Welt eine sichere Überzeugung von einem hinreichend bestimmten Inhalt des Prinzips festgestellt werden kann. An keinem Ort der Welt ist dieses Problem länger und intensiver diskutiert worden als in der Bundesrepublik Deutschland.

1. Der jüngere Diskussionsfaden

Man kann ganz grob zwischen einem älteren und einem jüngeren Diskussionsfaden unterscheiden. An dem älteren Faden wird bis zum heutigen Tage von vielen namhaften Verfassungsjuristen und Gerichten gesponnen. An dem jüngeren Faden spinnen dagegen jene Autoren und Gerichte, die zu der Überzeugung gelangt sind, dass die ältere Debatte aus prinzipiellen Gründen kein befriedigendes Ergebnis erwarten lässt, so dass man nach völlig neuen Ansätzen suchen muss. Diese Autoren werfen den Teilnehmern der älteren Debatte vor allem vor, dass ihre Überlegungen auf metaphysischen Voraussetzungen beruhten, die ihrerseits nur aus partikularen theologischen oder philosophischen Überzeugungssystemen gerechtfertigt werden könnten. Die Partikularität dieser Überzeugungssysteme mache sie unbrauchbar zur Begründung einer Konzeption von Menschenwürde, die den Anspruch erheben kann, auch in einer kulturell und weltanschaulich pluralistischen Gesellschaft oder gar der Weltgesellschaft akzeptiert zu werden.

Die Kritiker bieten stattdessen alternative Konzepte an, deren Vorzug gerade darin bestehen soll, dass sie ohne jegliches metaphysisches Fundament auskommen. Dabei kümmern sie sich nicht darum, ob ihr Konzept mit den Vorgaben und Ideen vereinbar ist, die den Verträgen und Resolutionen der Vereinten Nationen zugrunde liegen. Sie kennen vielmehr überhaupt keine Bindungen an irgendwelche ideen- oder rechtsgeschichtliche Vorgaben, sondern verlassen sich allein auf ihren höchst persönlichen Erfindungsreichtum. Es kann deshalb nicht erstaunen, dass diesen alternativen Konzepten eine gewisse Beliebigkeit anhaftet.

Die liberalistische Deutung

Eines dieser Deutungskonzepte kann man als das liberalistische bezeichnen. Danach geht es bei der Menschenwürde um individuelle Selbstbestimmung in dem umfassendsten Sinne dieses Wortes. Jede Beschränkung der Freiheit zur eigenen Lebensgestaltung, die nicht unbedingt notwendig ist, verletzt damit schon die Menschenwürde. Der Würdegrundsatz verpflichtet den Staat, die größtmögliche gleiche Freiheit, d.h. die größtmögliche gleich verteilte Menge an Verhaltensmöglichkeiten zu schaffen und zu erhalten. Dieses Konzept hat etwa in PETER HÄBERLE (1980), ALBERT BLECKMANN (1988) und WINFRIED BRUGGER (1997) entschiedene Vertreter gefunden. Als eine Sensation wurde es in der deutschen Öffentlichkeit wahrgenommen, als es durch MATTHIAS HERDEGEN (2003) nunmehr auch Eingang in den bisher eher traditionellen Großkommentar zum Grundgesetz von MAUNZ/DÜRIG/HERZOG/SCHOLZ gefunden hat.

Der umfassende Begriff von Freiheit, der mit dem Begriff der Menschenwürde gleichgesetzt wird, scheint auf den ersten Blick unserer Intuition zu entsprechen, dass Menschenwürde etwas mit Freiheit zu tun hat und dass es sich dabei nur um eine möglichst große Freiheit handeln kann. Auf den zweiten Blick sieht man aber, dass dieser Begriff von Menschenwürde gewissermaßen inflationär entwertet ist. Denn die Freiheit, die er verspricht, gilt ja nur unter dem Vorbehalt notwendiger Einschränkung. Zumindest da, wo der Freiheitsgebrauch des einen mit dem Freiheitsgebrauch eines anderen kollidiert, müssen der Freiheit des einen oder des anderen oder beider notwendigerweise Grenzen gesetzt werden. Freiheitskollisionen erzwingen Freiheitsbeschränkungen, sagen aber nicht, wie die Grenzen genau zu ziehen sind. Darüber entscheiden also letztli

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