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Die Kunst zu leben von Rousseau, Jean-Jacques (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 25.01.2021
  • Verlag: Anaconda Verlag
eBook (ePUB)
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Die Kunst zu leben

Jean-Jacques Rousseau, der große Philosoph der französischen Aufklärung, ist den meisten heute als Denker des »Gesellschaftsvertrags« bekannt. Doch stellte er sich zeitlebens auch die scheinbar alltägliche Frage, was es heißt, gut zu leben. Als von der Gesellschaft Verstoßener bewegte sich Rousseau jenseits der bürgerlichen Vorstellungen vom guten Leben; daher beschäftigte er sich gerade in seinem Spätwerk intensiv mit dieser Frage. Die ausgewählten und kommentierten Passagen schaffen Einblicke in seine »Kunst zu leben« und machen dabei die Grundsteine Rousseau'schen Denkens zugänglich.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 160
    Erscheinungsdatum: 25.01.2021
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641278991
    Verlag: Anaconda Verlag
    Originaltitel: L'oeuvre diverses
    Größe: 1908 kBytes
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Die Kunst zu leben

Über den Menschen und das Leben im Allgemeinen

Alle Tiere besitzen genau die Fähigkeiten, die zu ihrer Erhaltung notwendig sind; nur der Mensch hat welche, die eigentlich überflüssig sind. Ist es nicht sehr sonderbar, dass gerade diese überflüssigen Kräfte die Ursache seines Unglücks sind? In jedem Land vermögen die Arme eines Menschen durch Arbeit mehr hervorzubringen als seine Mittel zur Subsistenz*. Wenn er weise genug wäre, diesen Überschuss als nichts zu erachten, hätte er immer das Notwendige, denn er hätte nie etwas zu viel. Die großen Bedürfnisse, sagte schon Favorinus**, entständen aus großen Besitztümern, und oft sei das beste Mittel, die Dinge zu bekommen, die wir nicht haben, aber sehnlichst wünschen, dass man diejenigen wieder weggibt, die man hat. Dadurch dass wir uns abplagen, um unser Glück zu steigern, verwandeln wir es selbst in Unglück. Jeder Mensch, der nur zu leben wünscht, würde glücklich leben, folglich wäre er auch gut; denn welchen Vorteil hätte er davon, schlecht zu sein?

Wenn wir unsterblich wären, wären wir höchst unglückliche Wesen. Es ist zweifellos hart, zu sterben, aber angenehm ist die Hoffnung, dass wir nicht ewig leben und dass ein besseres Leben der Mühsal und den Leiden hienieden ein Ende bringen wird. Wer würde denn wohl, wenn man ihm die Unsterblichkeit auf Erden anbieten würde, dieses trostlose Geschenk annehmen? Welche Hilfsmittel, welche Hoffnung, welcher Trost würden uns dann noch gegen die bitteren Schläge des Schicksals und gegen die Ungerechtigkeiten der Menschen bleiben? Der Unwissende, der über keine Voraussicht verfügt, spürt den Wert des Lebens wenig und hat auch wenig Angst, es zu verlieren. Der aufgeklärte Mensch kennt wertvollere Güter, welche er dem vorzieht. Nur das Halbwissen und eine falsche Sicht der Weisheit lenken unseren Blick allein bis zum Tod und nicht darüber hinaus und machen dann aus ihm das schlimmste aller Übel. Die Notwendigkeit, sterben zu müssen, ist für einen weisen Menschen nur ein Grund, die Leiden des Lebens zu ertragen. Wenn man nicht sicher wäre, es eines Tages zu verlieren, würde man es zu teuer erkaufen.

Unsere moralischen Übel beruhen alle auf Einbildung, mit Ausnahme des Lasters, und dieses hängt von uns ab. Unsere körperlichen Übel zerstören sich selbst oder sie zerstören uns. Die Zeit oder der Tod sind unsere Heilmittel. Aber wir leiden umso mehr, je weniger wir zu leiden verstehen. Und wir verursachen uns mehr Qualen damit, unsere Krankheiten zu heilen, als wir welche hätten, wenn wir sie bloß aushielten. Lebe nach der Natur, sei geduldig und jage die Ärzte weg. Dadurch wirst du nicht den Tod verhindern, aber du wirst ihn nur einmal spüren, während die Ärzte ihn dir jeden Tag in deine gestörte Einbildungskraft bringen. Und ihre lügenhafte Kunst nimmt dir jede Freude am Leben, statt es zu verlängern ...

In den menschlichen Einrichtungen ist alles nur Torheit und Widerspruch. Je mehr Wert unser Leben verliert, desto größere Sorgen machen wir uns um es. Die alten Leute hängen mehr an ihm als die jungen. Sie wollen all die Aufwendungen, die sie getroffen haben, um es zu genießen, nicht verlieren; mit sechzig Jahren ist es sehr grausam zu sterben, wenn man eigentlich noch nicht zu leben begonnen hat. Man ist der Meinung, dass der Mensch einen lebhaften Selbsterhaltungstrieb hat, und das stimmt ja. Aber man erkennt dabei nicht, dass dieser Trieb, so wie wir ihn fühlen, größtenteils das Werk der Menschen ist. Von seiner Natur her ist der Mensch nur so weit bestrebt, sich selbst zu erhalten, wie er die Mittel hat, die ihm dazu zur Verfügung stehen. Sobald ihm diese ausgehen, ergibt er sich seinem Schicksal und stirbt, ohne sich noch weiter sinnlos zu quälen. Die Natur lehrt uns das erste Gesetz, sich dem Schicksal zu ergeben. Ebenso wie die Tiere sträuben sich auch die Wilden recht wenig gegen den Tod und erdulden ihn fast ohne zu klagen. Ist dieses Naturgesetz umgestoßen, b

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