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Menschenwürde Vom Selbstwert des Menschen

  • Verlag: wbg Academic
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Menschenwürde

Der Band untersucht Menschenwürde als Grundwert Europas. Clemens Sedmak, geb. 1971, ist Professor für Theologie am King's College London. Bei der WBG ist er Herausgeber der Reihe ?Grundwerte Europas? und Mitherausgeber der Reihe ?Topologien des Menschlichen?.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: AdobeDRM
    Seitenzahl: 281
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783534743544
    Verlag: wbg Academic
    Größe: 1178 kBytes
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Menschenwürde

Clemens Sedmak
Menschenwürde auf ständigem Prüfstand. Zur Einleitung

Wir Menschen haben die Fähigkeit (und nicht selten die Bereitschaft), uns gegenseitig die Hölle auf Erden zu bereiten. Es ist erstaunlich, wozu wir Menschen in der Lage sind; Primo Levi hat immer wieder darauf hingewiesen, dass dieses Staunen, ja Entsetzen darüber, was möglich ist, nicht abstumpfen dürfe. Wir dürfen nicht vergessen, "was in Auschwitz Menschen aus Menschen zu machen gewagt haben". 1 Es geht hier auch um die Bewahrung der Fähigkeit, immer wieder aufs Neue zu erschrecken, um die Erhaltung eines moralischen Empfindungsgefühls, einer moralischen Sensibilität, ja, und auch um Scham, "die Scham über Auschwitz, die Scham, die jeder Mensch darüber empfinden müßte, daß es Menschen waren, die Auschwitz erdacht und errichtet haben". 2 Auschwitz steht für eine enge Verbindung zwischen kühler Planung und heißer Willkür. Primo Levi beschreibt die Erfahrung der Grenzen des Verstehbaren: "Dort erwarteten uns Zug und Bewachung. Und dort bekamen wir die ersten Schläge. Das war so neu für uns und so unsinnig, daß wir keinen Schmerz empfanden, weder körperlichen noch seelischen. Nur tiefe Verwunderung: Wie kann man einen Menschen ohne Zorn schlagen?" 3

Der Verlust einer Idee sinnvollen Verhaltens ist Hölle, das Zufügen und Erdulden von unerträglichen Schmerzen ist Hölle. Erniedrigung und Demütigung sind Hölle. Hölle ist der Verlust von Namen und Gesicht, der Verlust von Einzigartigkeit und Persönlichkeit, der Verlust der Achtung vor Würde und Identität: "The complete loss of one's identity is, with all propriety of theological definition, hell." 4 Auschwitz war eine Hölle auf Erden. "Das ist die Hölle. Heute, in unserer Zeit, muß die Hölle so beschaffen sein, ein großer, leerer Raum, und müde stehen wir darin, und ein tropfender Wasserhahn ist da, und man kann das Wasser nicht trinken, und uns erwartet etwas gewiß Schreckliches, und es geschieht nichts und noch immer geschieht nichts. Wie soll man da Gedanken fassen? Man kann keine Gedanken mehr fassen; es ist, als seien wir bereits gestorben." 5

Es ist dem Menschen möglich, anderen Menschen Identität abzusprechen, Identität auszulöschen, Namen zu tilgen, Existenzen zu vernichten, Leben zu zerstören, Lebenspläne zunichtezumachen. Das Böse ist paradoxerweise nicht unmenschlich, sondern - kantisch gesprochen - Ausdruck der menschlichen Freiheit. Und diese Freiheit ist paradoxerweise in vielen Diskursen Ausdruck der menschlichen Würde. Pico della Mirandola beispielsweise hat im 15. Jahrhundert die Würde des Menschen an seiner Nichtfixiertheit festgemacht - er lässt in seiner Oratio de Hominis Dignitate ("Rede über die Würde des Menschen") den Schöpfer zu Adam sagen: "Wir haben dir keinen festen Wohnsitz gegeben, Adam, kein eigenes Aussehen noch irgendeine besondere Gabe, damit du den Wohnsitz, das Aussehen und die Gaben, die du selbst dir ausersiehst, entsprechend deinem Wunsch und Entschluß habest und besitzest. Die Natur der übrigen Geschöpfe ist fest bestimmt und wird innerhalb von uns vorgeschriebener Gesetze begrenzt. Du sollst dir deine ohne jede Einschränkung und Enge, nach deinem Ermessen, dem ich dich anvertraut habe, selber bestimmen." 6 Damit ist deutlich gesagt, dass die Würde des Menschen gerade darin besteht, dass der Mensch als solcher - wie wohl auch die einzelne Person - frei ist, offen, keinen fixen Platz im Universum hat und "Einzigartigkeit" eine zentrale Kategorie zur Bestimmung des Menschseins ist.

Der Mensch ist frei und kann aus dieser Freiheit die Erde in eine Hölle verwandeln. Diese Intuition und diese Erfahrung sind aus dem europäischen Projekt des Werts der Menschenwürde nicht wegzudenken. Die Rede von Menschenwürde ist eine Schärfung der Vorstellungskraft. Auf der Basis eines Verständnisses von Menschen

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