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Theorien der Entfremdung zur Einführung von Henning, Christoph (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 19.09.2018
  • Verlag: Junius Verlag
eBook (ePUB)
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Theorien der Entfremdung zur Einführung

Was ist Entfremdung? Zeigt die Zunahme an Burnouts und Depressionserkrankungen an, dass die kritische Annahme, der Mensch habe sich in der Moderne von sich selbst entfremdet, heute mehr zutrifft denn je? Oder ist diese Diagnose, die Autoren wie Rousseau, Hegel und Marx gestellt haben, hoffnungslos veraltet, weil sie schon von problematischen Vorannahmen wie einem 'wahren Wesen des Menschen' ausging? Nachdem es mit dem Ende der Systemkonkurrenz von Kapitalismus und Sozialismus eine Zeit lang still war um die Entfremdungstheorie, hat sie heute wieder Konjunktur. Der vorliegende Band diskutiert diese neueren Forschungen u.a. von Autoren wie Alain Ehrenberg und Hartmut Rosa vor dem Hintergrund einer Bestandsaufnahme der älteren Theorien von Rousseau über Marx und Simmel bis zu Herbert Marcuse. Christoph Henning ist Privatdozent für Philosophie an der Universität St. Gallen und Junior Fellow am Max Weber Kolleg der Universität Erfurt.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 256
    Erscheinungsdatum: 19.09.2018
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783960600596
    Verlag: Junius Verlag
    Größe: 514 kBytes
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Theorien der Entfremdung zur Einführung

2.Außer-sich-Sein als Ausnahmezustand: Entfremdung bei Rousseau

"Radikale Vergesellschaftung heißt radikale Entfremdung." (Adorno, GS 3, 81)

Wenn im Folgenden von Entfremdung die Rede ist, dann meint das die spezifisch moderne Erfahrung, dass Menschen sich aufgrund gesellschaftlicher Entwicklungen selbst abhanden kommen können. Sie verlieren damit, wie man mit Hartmut Rosa sagen kann, die Fähigkeit zur "Resonanz" mit ihrer sozialen und natürlichen Umwelt sowie mit sich selbst. Eine lebendige Beziehung mit diesen Regionen muss zumindest noch erinnert werden, um vermisst werden zu können. Vielleicht deshalb tritt die radikalste Kritik an solchen Phänomen bereits zu Beginn der sozialen Umstellung von traditionellen zu modernen Gesellschaften auf den Plan. Den Beginn der Moderne setzen wir für unsere Zwecke um das Jahr 1750 an, denn in dieser Zeit lässt sich eine sozialtheoretische Reflexion vernehmen, die diese Art von Entfremdungserfahrung bereits mit Händen greifen lässt. 15 Wir beginnen mit Jean-Jacques Rousseau (1712-1778), dem neben David Hume und Immanuel Kant wohl wichtigsten europäischen Philosophen des 18. Jahrhunderts.
Entfremdung im Zentrum des Werkes von Rousseau

Rousseaus Werk ist sehr vielfältig, aber es lässt sich gut entschlüsseln, wenn man die Entfremdung als das große Thema begreift, um das seine philosophischen Hauptwerke zentriert sind. 16 Die ersten beiden Diskurse von 1750 und 1755 artikulieren die radikale und wirkungsmächtige These, dass sich die Menschen in den meisten zeitgenössischen europäischen Gesellschaften in Wirklichkeit selbst abhandengekommen sind - sie entäußern sich nicht nur in kulturellen Produkten, denn das ist schwer zu vermeiden, sondern sie sind in der Äußerlichkeit dieser Produkte gleichsam stecken geblieben. Daher sagt Rousseau bewusst, der moderne gesellschaftliche Mensch lebe immer "außer sich":

"Der Wilde lebt in sich selbst, der Mensch in der Gesellschaft ist immer außer sich und vermag nur in der Meinung der anderen zu leben. Die Empfindung seines eigenen Daseins entnimmt er sozusagen allein ihrem Urteil." (Rousseau 1755, 123)

Es ist zu einem kulturellen Zustand, zum Merkmal eines ganzen "Zeitalters" (Fichte) geworden, dass die eigenen Produkte nicht mehr sinnhaft angeeignet werden. Der Rückfluss ist gestört (Spelsberg 2012, 108, 123ff.). Daher geht es Rousseau in seinem Werk darum, ein Sich-wieder-Aneignen des Menschen möglich zu machen. Spätere Werke erproben daher verschiedene Rückwege aus der Entfremdung (Buck 1984): Der Gesellschaftsvertrag von 1762 dreht das große Rad und schlägt vor, die politischen und sozialen Verhältnisse auf eine Weise zu verändern, dass eine jede am Ende wieder mit sich selbst in Einklang sein kann. Die politischen Schriften entwerfen mit der kollektiven Selbstgesetzgebung und der öffentlichen Erziehung ein Bild von Gesellschaft, in der sich der Einzelne in seinen Institutionen wiedererkennen kann. Entfremdung meint also den Prozess eines Sich-fremd-Werdens aufgrund eines Lebens im Ungleichgewicht, im Widerspruch mit sich; und der Politik wird es zugetraut, für alle Menschen wieder die Möglichkeit einer Balance herzustellen.

In anderen Schriften variiert Rousseau dieses Thema auf mikropolitische Weise. In Émile oder über die Erziehung (ebenfalls 1762 erschienen) entwirft Rousseau das Bild einer privaten Erziehung, die die Entstehung einer solchen Entfremdung, einer inneren Zerrissenheit, schon im Kleinen verhindert. In dem überaus erfolgreichen Liebesroman Julie oder die neue Heloise von 1761 bringt Rousseau das Thema in die Form einer Liebesbeziehung (wenn auch einer tragischen). Im Spätwerk der Träumereien eines einsamen Spaziergängers (1776-78) experimentiert er in einem noch kl

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