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Victor Kraft: Rationale Normenbegründung und Logischer Empirismus von Vollbrecht, Oliver (eBook)

  • Verlag: Utz
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Victor Kraft: Rationale Normenbegründung und Logischer Empirismus

Zu den unterschätztesten Denkern des 20. Jahrhunderts gehört der Wiener Philosoph und Wissenschaftstheoretiker Victor Kraft (1880-1975). Obwohl Kraft ein Mitglied des berühmten Wiener Kreises war und sich selbst ausdrücklich als Vertreter der "wissenschaftlichen Weltauffassung" verstand, weichen seine Arbeiten in wesentlichen Punkten vom Hauptstrom des Wiener Neupositivismus ab. Krafts Wissenschaftstheorie antizipierte wesentliche Ideen des Kritischen Rationalismus.

Popper selbst hat in der erst im Jahre 1979 erschienenen Urfas-sung der Logik der Forschung hierzu geschrieben: "Kraft nimmt - soweit ich es beurteilen kann - geradezu die Grundgedanken des von mir vertretenen deduktivistisch-empiristischen Standpunktes vorweg." Auch in der praktischen Philosophie antizipierte Kraft vieles, was heute zum Standardrepertoire zeitgenössischer Debatten gehört: Schon vor R. M. Hares universellem Präskriptivismus, der heute eine klassische Theorie moderner Ethik genannt werden darf, verband Kraft eine empiristische Ausgangsposition mit der Kritik am Relativismus. Krafts späterer Kultur-Utilitarismus ist nahezu unbeachtet geblieben, was vor allem auf politische Ursachen zurückzuführen ist.

Produktinformationen

    Format: PDF
    Kopierschutz: AdobeDRM
    Seitenzahl: 229
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783831603442
    Verlag: Utz
    Größe: 885 kBytes
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Victor Kraft: Rationale Normenbegründung und Logischer Empirismus

5. DER WILLE ZUR KULTUR (S. 108-110)

5.1 Die Deduktion objektiver Wertgrundsätze aus dem Wesen der Kultur

In seinen Fragen der Ethik bezeichnet Moritz Schlick, "die Frage nach der Rechtfertigung der höchsten Normen oder der obersten Werte" als sinnlos, weil "nichts Höheres vorhanden [ist], worauf sie zurückgeführt werden könnten." Und Schlick fährt fort: "Da die neuere Ethik oft, wie schon bemerkt, gerade diese absolute Rechtfertigung zum Grundproblem erhebt, so muß leider gesagt werden, daß schon die Fragestellung, von der sie ausgeht, schlechthin unsinnig ist." Kraft intendiert keine "absolute" Rechtfertigung, sondern eine hypothetische Begründung der obersten Normen. Dabei besteht die Pointe seines Begründungsverfahrens darin, dass sich die Geltungsdimension der von ihm postulierten obersten Normgrundsätze, ungeachtet ihres hypothetischen Charakters, bis auf wenige (extreme) Ausnahmen auf alle Menschen erstreckt.

In seinen Grundformen der wissenschaftlichen Methoden hat Kraft die These vertreten, die obersten Normgrundsätze ließen sich rational festlegen: "Die obersten Normen können aber auch rational begründet werden, auf teleologische Weise. Sie können dadurch als gültig erwiesen werden, dass die Forderungen, die sie aufstellen, als die Bedingungen erkannt werden, die erfüllt werden müssen, um einen Zweck zu verwirklichen, der von allen erstrebt wird."386 Krafts rational begründete Wertaxiome sind keine Grundsätze mit uneingeschränkter Geltung, denn niemand ist dazu gezwungen das Ziel der Moral, d.h. die Kultur, zu bejahen: "Eine sachliche Notwendigkeit, die unbedingt besteht, die jedem ausnahmslos die gleichen Wertungen aufzwingt, gibt es nicht."

Allen bisher aufgestellten Wertungsgrundsätzen ist nach Kraft sowohl theoretisch widersprochen als auch praktisch entgegengehandelt worden: Selbst dem Wert des Lebens, ja sogar dem Wert, den die Schmerzlosigkeit darstellt, sei zu allen Zeiten zuwidergehandelt worden. Da Menschen häufig ihren natürlichen Triebdispositionen entgegen agieren, können die basale Wertaxiome nach Kraft nicht naturalistisch begründet werden: Die Ethik lasse sich nicht naturalisieren. Auch wenn man das Argument des naturalistischen Fehlschlusses beiseite lasse, sei es unmöglich eine natürliche Moral zu konzipieren. Die empirische Untersuchung menschlicher Verhaltensweisen könne, im Gegensatz zum Tierreich, keine natürlichen, d.h. "gattungsspezifischen" Verhaltensregeln auffinden, denen nicht realiter viele Menschen zuwiderhandelten: Krafts Moraltheorie ist keine Humanethologie.

Dennoch würde Kraft wahrscheinlich Schlick zustimmen, der in seinen Fragen der Ethik hinsichtlich der obersten Normen erklärt hatte, dass "ein Resultat der Ethik nie mit dem Leben im Widerspruch stehen kann".388 Für Kraft kann es also nur eine bedingte Notwendigkeit der Anerkennung basaler Wertgrundsätze geben: Für denjenigen, der das eigene und im weitesten Sinne auch das soziale Leben wertschätzt, können einige unbezweifelbare objektive Wertungsgrundsätze ausgewiesen werden. Auch diese gelten nicht unbedingt, da sie weder für den Eremiten, der das soziale, noch für den Asketen, der das eigene Leben für nichts erachtet, eine wirkliche Verpflichtung darstellen. Für alle anderen Menschen, so betont Kraft, gelten diese Wertgrundsätze unbedingt. Ein Wertungsgrundsatz, der bis auf die beiden genannten Ausnahmen, alle Menschen einbezieht, lässt sich nach Kraft als objektiver Wertungsgrundsatz bezeichnen. Kraft spricht in diesem Zusammenhang explizit von "objektiven Werten".

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