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Die innere Freiheit des Alterns von Riedel, Ingrid (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 12.08.2013
  • Verlag: Patmos Verlag
eBook (ePUB)
15,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
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Die innere Freiheit des Alterns

'Alt werden, heißt sehend werden', schrieb Marie von Ebner-Eschenbach. Ganz im Hier und Jetzt zu sein, das Leben annehmen zu können, ohne Warum, ist eine beglückende Erfahrung. Gerade im Alter empfinden wir sie als Geschenk. Ingrid Riedel - selbst über siebzig - schreibt voller Wärme und Weisheit über das Altern. Älterwerden bedeutet zweierlei: Leben ausschöpfen und Leben loslassen. Es gilt, diese Spannung auszuhalten, Unvollkommenes anzunehmen, um zu innerer Ruhe und Gelassenheit zu finden.

Ingrid Riedel, Honorarprofessorin für Religionspsychologie und Psychotherapeutin in eigener Praxis, ist Dozentin und Lehranalytikerin an den C. G. Jung-Instituten Zürich und Stuttgart. Autorin zahlreicher erfolgreicher Bücher, bei Patmos zuletzt: Spieglein, Spieglein an der Wand. Märchen vom Neiden und Gönnen (2012); C. G. Jung: Ausgewählte Schriften (Hg. zus. m. Verena Kast, 2011).

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: AdobeDRM
    Seitenzahl: 160
    Erscheinungsdatum: 12.08.2013
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783843603850
    Verlag: Patmos Verlag
    Größe: 264 kBytes
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Die innere Freiheit des Alterns

Wenn Verluste sich mehren

Als ich eben an einem Feld vorbeifuhr, frisch gemäht, goldgelb leuchtend in der Nachmittagssonne, da fragte ich eine Freundin, die neben mir im Auto saß: "Überkommt dich auch immer solche Wehmut, wenn du die abgeernteten Felder siehst?" Sie nickte. Auch ich kenne dieses Abschiedsgefühl schon lange, schon immer kam mir der Zeitpunkt der Sommersonnenwende verfrüht vor, und doch ist es mir, als vertiefe es sich jetzt, mit den späteren Jahren. Es vertieft und intensiviert sich, ist es doch wie ein Gleichnis für das Lebensgefühl am Übergang in die Siebzigerjahre; voll Tiefe und Intensität. Denn die Lebenszeit wird kürzer.

Es war van Gogh, der wie kein Zweiter die Farben des reifen Getreides zu malen verstand, voll glühender Expression, gepackt von dem Wissen um seine zu Ende gehende Lebensspanne. Seine letzten Bilder sind Erntebilder, wogendes Korn, darin der Schnitter, leidenschaftlich die Sichel schwingend, fast überfordert vom Reichtum dessen, was einzubringen ist, sein letztes Werk. Selbst noch die Korngarben scheinen zu tanzen.

Bei jedem Abschied vertieft sich das Gefühl dafür, was mir der andere Mensch doch bedeutet hat. Beziehungen, die jahrzehntelang ruhig verlaufen sind, manchmal gar nicht so stark aktualisiert, die zu den Jugendfreunden oder auch zu weit entfernt wohnenden und lebenden Geschwistern, sie flammen auf einmal auf, geben ihre tiefen Gefühlspotentiale frei - vor allem dann, wenn auf einmal Gefahr droht, eine schwere Krankheit, Krebs, ein Schlaganfall, und damit die reale Angst, diese lange gekannten und wirklich vertrauten Menschen zu verlieren. Eine wahre Herzensangst kann aufbrechen und damit die tiefe, vielleicht lebenslange Verbundenheit neu erfahrbar werden, die sich anfühlt, als wären diese vertrauten Menschen ein Stück von mir selber. Sie sind es auch, sind sie doch ein Teil meiner Lebensgeschichte und damit meiner auch an ihnen erwachsenen Identität.

Wie lief während der vielen Stunden der Bahnfahrt nach Leipzig zu meinem todkranken Bruder das ganze Leben mit ihm noch einmal ab, vor allem unsere gemeinsame Kindheit, die Kriegsjahre in einer von Luftangriffen bedrohten Stadt, wo wir im "verdunkelten" Zimmer mit Autos und Tieren spielten, die phosphoreszierende "Leuchtabzeichen" trugen - wie die Fußgänger auch, in der aus Luftschutzgründen abgedunkelten Stadt, in der es zu der Zeit keine Straßenbeleuchtung mehr gab. Die Innigkeit unserer Kindersprache, die wir beide verstanden - sein Pferd hieß "Gummi-Richard", das meine "Silberhorn" -, unsere Rivalitäten und unsere gemeinsam gelungenen Streiche gegenüber den "Großen", dies alles stieg aus der Vergessenheit auf, als wäre es Gegenwart. Dazu sein blonder Lockenschopf, seine lichthellen Augen, seine Stimme. Ich sehe uns vor mir, als wir, einander an den Händen haltend, damit wir uns nicht verlören, durch unsere brennende Heimatstadt liefen - ich neun, er sieben -, während neben uns ganze Hausfassaden niederstürzten ... Mit der Erinnerung an den Bruder stieg auch die ganze damalige Zeitgeschichte wieder auf, mit der für mich, wie für viele meiner Generation, traumatische Ereignisse verbunden waren, wie zum Beispiel "Ausbombung", also die Zerstörung unseres Elternhauses, oder die Evakuierung ins Kinderheim ...

Der Bruder als Zeuge auch meiner Lebensgeschichte ist unersetzbar. Wie lebendig stiegen alle diese Erfahrungen während jener Zugfahrt zu ihm, in einem Leipziger Krankenhaus, wieder in mir auf - wie in uns allen in ungeahnter Lebendigkeit die ganze Geschichte mit den Menschen, die uns verloren zu gehen drohen, wieder aufsteigt. Dieser aufsteigende Erinnerungsstrom zeigt uns zugleich die drohende Gefahr an, diesen Menschen zu verlieren, zeigt uns seinen Wert für uns an, wie die mit ihm verbundenen Gefühle. Der aufschießende Erinnerungsfluss hat auch den Sinn, diesen Menschen, den wir zu verlieren drohen, innerlich unverlierbar für uns zu machen.

Hier erschließt sich bere

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