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Der gehemmte Rebell Struktur, Psychodynamik und Therapie von Menschen mit Zwangsstörungen von Lang, Hermann (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 21.03.2015
  • Verlag: Klett-Cotta
eBook (ePUB)
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Der gehemmte Rebell

Der Zwangsneurotiker ist ein gehemmter Rebell, der in ständigem Konflikt zwischen Autonomie und Fügsamkeit lebt. Triebhafte Bedürfnisse und Emotionen kann er nie ausleben; er hat gelernt, seine Gefühle zu kaschieren und sie in zwanghaften Ritualen auszudrücken. Das Buch zeigt auf der Grundlage der psychodynamischen Therapie Möglichkeiten der Diagnose und Behandlung für alle therapeutischen Schulen auf. Zwänge gehören zu den verbreitetsten psychischen Störungen überhaupt. Typische Symptome von Menschen mit einer Zwangsstörung sind Grübeln, Zählen, Wasch- oder Kontrollzwang. Viele verlieren an Vitalität und Flexibilität, stellen sich selbst häufig in Frage und zögern ständig. Das vorliegende Buch erläutert - Symptomatik, Klassifikation und Epidemiologie, - Psychodynamik, Pathogenese und Ätiologie, - Bezug zur Depression, Schizophrenie und zum Messie- Syndrom, - tiefenpsychologische Therapiemaßnahmen, - Möglichkeiten der Paar- und Familientherapie, - Möglichkeiten der Gruppentherapie und - die Kombination von psychodynamischer Psychotherapie, Pharmakotherapie und Verhaltenstherapie. - Zwangsstörungen sind die vierthäufigste psychische Erkrankung, ca. 3% der Gesamtbevölkerung sind betroffen - Häufige Störung, die meist ein Leben lang anhält Dieses Buch richtet sich an: - Alle Psychologischen und Ärztlichen PsychotherapeutInnen - PsychoanalytikerInnen Hermann Lang, Prof. Dr. med. und Dr. phil., ist Psychiater, Psychoanalytiker und Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Er ist emeritierter Lehrstuhlinhaber des Instituts für Psychotherapie und medizinische Psychologie an der Universität Würzburg. Er hat neben Medizin und Psychologie auch Philosophie studiert, unter anderem bei Gadamer, Ricoeur und Lacan.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 160
    Erscheinungsdatum: 21.03.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783608107852
    Verlag: Klett-Cotta
    Serie: Fachbuch
    Größe: 3851 kBytes
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Der gehemmte Rebell

KAPITEL 2
Zwangsstörung (Zwangsneurose): Symptomatik, Klassifikation und Epidemiologie

Der traditionelle Name der Zwangsneurose ist heute durch den Begriff der Zwangsstörung ersetzt. Im DSM-IV wird diese Störung ("obsessive-compulsive disorder", "OCD", 300.3) den Angststörungen subsumiert, da Zwänge vorrangig der Angstregulierung dienten. Im DSM-5 ist der Zwangsstörung unter dem Titel "Obsessive-Compulsive and Related Disorders" wieder ein eigenes Kapitel gewidmet. Parallel dazu wird auf Achse II die "zwanghafte Persönlichkeitsstörung" (301.4) als eigenständige Kategorie geführt. In der ICD-10 lauten die Synonymbezeichnungen "anankastische Syndrome, Zwangsstörungen" (F 42) bzw. "anankastische (zwanghafte) Persönlichkeitsstörung" (F 60.5).

Wie schon im vorherigen Kapitel erwähnt, lässt sich mit K. Schneider (1967, S. 105) generell Zwang so definieren: "Zwang ist, wenn jemand Bewusstseinsinhalte nicht loswerden kann, obschon er sie gleichzeitig als inhaltlich unsinnig oder wenigstens als ohne angemessenen Grund beherrschend und beharrend beurteilt." Das "ich-dystone Erleben" ist also für eine Zwangsstörung im Sinne einer Symptomneurose bezeichnend. "Störend, pathologisch und damit behandlungsbedürftig werden Denk- und Verhaltensmuster dann, wenn sie ein zumeist sehr variables und subjektives Intensitäts- und Häufigkeitskriterium überschreiten und dadurch eine deutliche Beeinträchtigung des Lebensvollzugs einer Person mit sich bringen" (Reinecker 2005).

Im Beschwerdebild lassen sich drei große Bereiche unterscheiden:
2.1 Zwangsgedanken

Bestimmte Zwangsvorstellungen oder Zwangsbefürchtungen behaupten sich anhaltend und gegen den Willen des Betroffenen im Bewusstsein. Dabei werden diese Zwangsgedanken als aufdringlich und unangemessen wahrgenommen. Inhaltlich handelt es sich oft um aggressive und sexuelle Themen bzw. um die damit verbundenen Schuldvorstellungen.

So hatten sich beim "berühmtesten Fall" Freuds (1918), dem schon genannten "Wolfsmann", gotteslästerliche Gedanken dergestalt eingestellt, dass er immer wieder denken musste: "Gott - Schwein" oder "Gott - Kot". Auch war er von dem Zwang gequält, an die Heilige Dreieinigkeit zu denken, wenn er drei Häufchen Pferdemist oder anderen Kot liegen sah. Erinnert sei hier an die mannigfachen Zwangsbefürchtungen der in der Einleitung erwähnten Patienten. Der Zwangsgedanke, einen Menschen überfahren zu haben oder zumindest einem möglicherweise Verunglückten nicht entsprechenden Beistand geleistet zu haben, scheint heute fast inflationär. Neben anderen Symptomen bietet diese Befürchtung ein 28-jähriger Betriebswirt, Herr E. Besonders eindrucksvoll die Selbstschilderung von Dr. S., einem Psychologen, unter dem bezeichnenden Titel "Der Autounfall, der nie stattgefunden hat" in "Der Junge, der sich immer waschen musste" (Rapoport 1989). Herr E. litt des Weiteren an der Furcht, sich mit Tollwut und AIDS infiziert zu haben und andere entsprechend anzustecken, beispielsweise den behandelnden Zahnarzt. Bezeichnend für einen Zwangsneurotiker hier das "Unsinnigkeitskriterium" seiner ich-dystonen Aussage: "Ich habe Angst Sie anzustecken, obwohl ich eigentlich weiß, dass ich kein AIDS habe". Einem 38-jährigen Bürgermeister, Herrn R., der zugleich das Standesamt versah, drängte sich die Zwangsvorstellung auf, Heilige hätten Sex mit Tieren, sobald er den Namen eines oder einer Heiligen zu schreiben hatte - was ja bei seiner Tätigkeit häufig vorkommt. Oder es müssen bestimmte Gedankenreihen immer wieder zu Ende gedacht werden (z. B. in einem Zählzwang), dabei oft verbunden mit Befürchtungen der Fremd- oder Selbstschädigung ("wenn nicht entsprechend gedacht, gezählt oder vermieden wird, geschieht einer fremden Person oder dem Subjekt selbst etwas Schlimmes"). So musste, wie eingangs erwähnt, eine 38-jährige Frau unbedingt die Zahl Sieben vermeiden - z. &nbs

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