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Das Geschenk der Sterblichkeit Wie die Angst vor dem Tod zum Sinn des Lebens führen kann von Kalbitzer, Jan (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 22.10.2018
  • Verlag: Blessing
eBook (ePUB)
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Das Geschenk der Sterblichkeit

Als junger Familienvater mit Ende dreißig entwickelt Jan Kalbitzer plötzlich eine diffuse, tief greifende Angst zu sterben, die sich zunächst in ausgeprägten körperlichen Stresssymptomen und dann in einer schweren Erschöpfung zeigt. Als Psychiater macht er sich auf die Suche nach den psychologischen Ursachen dieser Angst, da schulmedizinisch alles in Ordnung ist. Er spricht mit Freunden, Kollegen und Geistlichen, um zu lernen, wie man Zufriedenheit und das Leben aushält und ob es möglich ist, einfach so vor sich hin zu leben und aus dieser Haltung heraus ein erfülltes, glückliches Leben zu führen. Gleichzeitig tritt er mit den großen Psychologen und Lebenskennern Eva Jaeggi, Steven C. Hayes und Irvin Yalom in Kontakt und lässt sich von ihnen therapeutisch begleiten.

Jan Kalbitzer, Jahrgang 1978, ist promovierter Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Er arbeitet als Psychotherapeut in eigener Praxis und forscht an der Charité zu gesundem Umgang mit technischem Fortschritt und gesellschaftlichem Wandel. 2015 erhielt er für seine Forschung den Max-Rubner-Innovationspreis. 2016 erschien sein Buch Digitale Paranoia. Jan Kalbitzer lebt mit seiner Familie in Berlin

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 192
    Erscheinungsdatum: 22.10.2018
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641216641
    Verlag: Blessing
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Das Geschenk der Sterblichkeit

Wie mich, als ich alles erreicht zu haben glaubte, plötzlich eine seltsame Angst vor dem Tod überkam

A uch Ärzte und Therapeuten haben Krisen. Die meisten Psychiater und Psychotherapeuten haben sich ihren Beruf sogar ausgesucht, weil sie selbst sehr gut wissen, was eine psychische Krise ist. Nur wenn sie selbst in der Lage sind, Krisen zu überwinden, können sie anderen Menschen helfen. Sie brauchen eine eigene Therapie, um aus der Erfahrung eine Ressource zu machen. Sonst laufen sie Gefahr, dort, wo sie selbst verletzt wurden, übersensibel zu reagieren und ein Helfersyndrom zu entwickeln - oder abzustumpfen und ihren Patienten gegenüber zynisch zu werden. "Selbsterfahrung" heißt die Psychotherapie, die deshalb jeder Therapeut im Rahmen der eigenen Ausbildung aus gutem Grund machen muss.

Mit Patienten über die eigene Krise reden sollten Therapeuten jedoch nur wohldosiert. Der Raum in der Therapie gehört den Patienten, er soll nicht der Erleichterung eines mitteilungsbedürftigen Therapeuten dienen. Sinn macht es dort, wo es Patienten beim eigenen Verständnis, bei der eigenen Entwicklung hilft. Mehr über ihre Krisen sprechen sollten Therapeuten hingegen in der Öffentlichkeit. Denn wenn wir es ernst meinen mit dem Kampf gegen die Stigmatisierung und dem Argument, dass aus Krisen neue Kraft und Kompetenz erwachsen kann, dann müssen wir mit eigenem Beispiel vorangehen und die große Bedeutung der Krise für die eigene Entwicklung benennen. Auch wenn gerade wir Ärzte dazu den weißen Kittel ablegen müssen, dessen Funktion viel zu häufig darin besteht, sich vom Leid der Patienten abzugrenzen. Gerade auf psychiatrischen Stationen, auf denen ärztliche Arbeit oft vorwiegend im Sprechen besteht, ist der weiße Kittel mittlerweile vor allem nur noch eins: ein Fetisch - und nichts, was man der Hygiene wegen tragen muss.

Dabei vereint uns Menschen nichts so sehr wie das Wissen um die Unausweichlichkeit des eigenen Todes. Und für die meisten Menschen führt diese Erkenntnis zunächst in eine Krise mit schweren Ängsten und Depressionen. Manche Menschen tragen diese Angst seit ihrer Kindheit mit sich herum, und andere trifft sie erst im hohen Alter, wenn die Freunde um einen herum anfangen, krank zu werden und zu sterben - oder wenn bei einem selbst die ersten Symptome einer schwerwiegenden Erkrankung auftreten. Und fast alle fühlen sich sehr einsam mit dieser Angst - bis sie anfangen, darüber zu sprechen. Gerade ältere Menschen berichten mir manchmal, wie sie von ihren Bekannten Tabletten zugesteckt bekommen, die diese schon seit Jahren aufgrund genau der gleichen Ängste, der Schwindelgefühle, des Herzrasens und der schlaflosen Nächte nehmen. Das Teilen eines Tablettenblisters mit Beruhigungsmitteln wird so zum Aufnahmeritual einer verschworenen Gemeinschaft.

Mich traf die Angst vor dem Tod mit Ende dreißig. Einer von vielen typischen Zeitpunkten. Manche entwickeln die Erkenntnis der bedrohlichen Endlichkeit der Welt schon als Kind, wenn zum Beispiel wichtige Bezugspersonen wie die Großeltern oder Urgroßeltern sterben oder sie ein Umzug oder Schulwechsel aus vertrauten Bezügen reißt. Und neben den Ängsten in der Kindheit und der Lebensmitte gibt es auch die Angst der Älteren, die anfangen, Dinge in ihrem Leben aufzugeben - ohne die Perspektive zu haben, dass danach wieder etwas Neues kommen wird.

Die Mitte des Lebens ist insofern ein besonderer Zeitpunkt für diese Angst, weil sich die Perspektive langsam dreht, der Blick ist nicht mehr permanent nach vorne gerichtet und begegnet in der Wendung zu der oft vergangenheitsorientierten Sicht der älteren Menschen in großer Härte den Realitäten der Gegenwart. Rückblickend stellt dieser Moment für viele Menschen einen Zeitpunkt großer Aufrichtigkeit und Radikalität dar, der wichtigen Lebensentscheidungen vorausgeht. Aber da diese Einsicht meist erst im Nachhinein kommt, ist die Begegnung an sich für viele sehr qualvoll un

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