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Die Deutung in der Psychoanalyse von Körner, Jürgen (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 18.03.2015
  • Verlag: Kohlhammer Verlag
eBook (ePUB)
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Die Deutung in der Psychoanalyse

Die Deutung nimmt unter allen Interventionen psychodynamischer Psychotherapeuten eine Sonderstellung ein. Ihre Funktion hat sich mit der Fortentwicklung der therapeutischen Methoden stark verändert. Wie und mit welchen Absichten ein Psychotherapeut deutet, hängt vordergründig von seiner theoretischen Orientierung z. B. als Neo-Freudianer, Objektbeziehungstheoretiker, Selbstpsychologe oder Intersubjektivist ab. Hintergründig aber lässt er sich von seinen nicht bewussten Menschenbildern und privaten, impliziten Theorien leiten. Dieses Buch beschreibt die Geschichte der Deutungskonzepte ausführlich im Kontext der sich wandelnden psychoanalytischen Methoden. Es ordnet die Deutung in die Systematik psychoanalytischer Interventionen (Klarifikation, Konfrontation, Durcharbeiten) ein und erklärt anschaulich den Zusammenhang mit anderen methodischen Konzepten wie der freien Assoziation, der Abstinenz und der gleichschwebenden Aufmerksamkeit.

Prof. Dr. Jürgen Körner, Dipl.-Psych., Psychoanalytiker, lehrte Sozialpädagogik an der FU Berlin und war Gründungspräsident der International Psychoanalytic University Berlin.

Produktinformationen

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Die Deutung in der Psychoanalyse

Einführung und Übersicht

Warum spielen Deutungen in der analytischen Psychotherapie eine so besondere Rolle? Weil der Gegenstand der Psychoanalyse das interpretierende und Bedeutung setzende Subjekt ist. Seine seelischen Erkrankungen lassen sich nicht einfach aus der pathogenen Wirkung objektiver Lebensereignisse erklären, sondern sie werden nur dadurch verständlich, dass wir nachvollziehen, wie die werdende Persönlichkeit als Kind oder Jugendlicher ihre eigene, soziale Wirklichkeit erlebte und verarbeitete. Natürlich darf man die Wirkung tatsächlicher Einflüsse, denen ein junger Mensch unterliegt, nicht verleugnen. Aber abgesehen von sehr frühen, auch vorgeburtlichen Einflüssen und von traumatischen Erfahrungen ist auch das Kind niemals nur ein "unbeschriebenes Blatt", in welches ein vielleicht ungünstiges Schicksal seine Eintragungen vornähme. Das Kind und erst recht der Heranwachsende wirkt von Anfang an als interpretierende Persönlichkeit mit, die ihre Welt deutet und schon dadurch mitgestaltet.

In der analytischen Psychotherapie suchen wir daher auch nicht die "objektiven" Ursachen für Fehlentwicklungen, sondern das potentiell handlungsfähige Subjekt, das auch in seinen Symptomen einen Sinn, z. B. eine unbewusste Absicht erkennen kann, das in der therapeutischen Situation seine unbewussten Arbeitsmodelle von Beziehungen zum Ausdruck bringt und das in der Beziehung zum Analytiker neue Wege des Erlebens und Handelns erprobt.

Auch wenn sich unsere Patienten selbst gern als passive Opfer schädlicher Einwirkungen sehen und nicht leicht für die Erkenntnis gewonnen werden können, dass sie ihre Entwicklungsgeschichte selbst mitgeschrieben haben, verfolgen wir mit ihnen doch das Ziel, dass sie Handlungsfreiheit (zurück)gewinnen, indem sie sich ihre unbewussten Motive und Absichten bewusst machen und indem sie erkennen, wie sehr sie ihre Welt interpretieren und gestalten.

Deutungen allein befördern allerdings nicht den therapeutischen Erfolg. Wir müssen unseren Patienten auch Zusammenhänge erklären und die Wege, die sie genommen haben und einschlagen werden, mit ihnen erkunden. Wir müssen sie auch ermutigen, ihnen unsere Wertschätzung zeigen, ihnen erlauben, dass sie uns subjektiv verwenden und sie zuweilen auch konfrontieren. Ob alle diese Interventionen wirksam sind, hängt aber weitgehend davon ab, wie wir - auch mit unseren Deutungen - die therapeutische Beziehung gestalten. Sie ist die "Bühne", auf der unsere Patienten neue Beziehungserfahrungen wagen und erproben können. Davon soll dieses Buch handeln.

Die Kapitel des Buches habe ich in folgender Weise gegliedert: Die erste Vorlesung soll etwas Ordnung schaffen in der Vielfalt der Bedeutungen, mit denen Psychoanalytiker 1 den Begriff der "Deutung" verwenden. Denn mit einer "Deutung" bezeichnen wir in einigen Fällen eine quasi-kausale Erklärung, in anderen eine intentionale Beschreibung und in wieder anderen eine Interpretation, also die Zuschreibung eines Sinngehaltes. Erklärungen, intentionale Beschreibungen und Interpretationen sind aber sehr unterschiedliche Wege des Erkenntnisgewinns, sie folgen unterschiedlichen Sucheinstellungen, geben Antworten auf sehr unterschiedliche Fragestellungen und verfolgen höchst ungleiche Absichten. All diese Unterschiede werden aus einer wissenschaftstheoretischen Perspektive erkennbar; deswegen ist dieses erste Kapitel trotz zahlreicher Praxisbeispiele eher theoretisch gehalten.

Die in der ersten Vorlesung charakterisierten Typen einer psychoanalytischen Deutung standen in der Geschichte der psychoanalytischen Behandlungstechnik nicht gleichwertig nebeneinander. Und sie wurden auch nicht zur gleichen Zeit entwickelt: Die Deutung als Erklärung war in der Frühzeit der Psychoanalyse sehr verbreitet. Intentionale Beschreibungen hingegen kamen erst auf, nachdem die psychoanalytische Behandlungssituation als "Zwei-Personen-Stück" verstanden wo

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