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Witz und Psychoanalyse Internationale Sichtweisen - Sigmund Freud revisited

  • Erscheinungsdatum: 13.04.2016
  • Verlag: Studienverlag
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Witz und Psychoanalyse

'... Witze, die im Volke umlaufen, sind vortreffliche Hilfsmittel zur Erforschung des unbewussten Seelenlebens, ganz ähnlich wie die Träume und die Mythen und Sagen ...' Sigmund Freud benannte damit schon sehr früh wesentliche Aufgabenfelder der Psychoanalyse, die heute immer weniger Beachtung finden. 1905 verfasste Sigmund Freud seine außergewöhnliche Studie 'Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten'. Hundert Jahre später motivierte der Herausgeber PsychoanalytikerInnen und SozialwissenschaftlerInnen aus verschiedenen Ländern und Kontinenten, diese Pionierarbeit analytischer Sozialpsychologie noch einmal mit Muße zu lesen und aktuell zu reflektieren. Eignet sich die Analyse des Witzes zur Erforschung des Unbewussten? Sozialpsychologische, historische und theoretische Ergebnisse sowie Erfahrungen aus der therapeutischen Praxis werden in diesem Sammelband vorgestellt.

Karl Fallend, Univ. Doz. Dr., geb. 1956; freiberuflich wissenschaftlich tätig; lehrt Sozialpsychologie am Institut f. Psychologie an der Universität Innsbruck. Mitherausgeber der Zeitschrift WERKBLATT. Zeitschrift für Psychoanalyse und Gesellschaftskritik. Zahlreiche Publikationen zur Geschichte der Psychoanalyse, Psychologie und Menschenrechte und der Aufarbeitung des Nationalsozialismus. Er lebt in Wien und Linz.

Produktinformationen

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Witz und Psychoanalyse

Peter Schneider
Der Witz und seine Beziehungen zur Psychoanalyse

I.

"Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten", bemerkt Ernest Jones, werde "von allen Büchern [Freuds, Anm. d. Verf.] am wenigsten gelesen, vielleicht weil es am schwersten ist, richtig zu verstehen." Parallel zum "Witz"-Buch habe Freud an den "Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" gearbeitet: "Freud hielt beide Manuskripte auf zwei nebeneinanderstehenden Tischen und schrieb je nach Laune bald an dem einen, bald an dem anderen. Es war meines Wissens das erstemal, dass Freud an zwei Abhandlungen gleichzeitig arbeitete, woraus man ersieht, wie eng für ihn diese beiden Themen zusammenhingen." Beide Bücher seien ihrerseits "direkt aus den Ideen der großen 'Traumdeutung' herausgewachsen. So sieht man, dass die Entwicklung von Freuds Gedanken und Studien in den ersten Jahren des Jahrhunderts ganz kontinuierlich vor sich ging." 1

Bekanntlich hatte Freud sich bereits während der Arbeit an der "Traumdeutung" mit dem Witzthema beschäftigt: Aus seinen Ferien in Aussee schreibt er am 26.8.1898, dass er sich "in das Studium von Lipps versenkt habe", dessen im gleichen Jahr erschienenes Buch über "Komik und Humor" ihm also bereits viele Jahre vor der Fertigstellung des "Witz'" nicht entgangen sein dürfte. Am 11.9.1899 teilt er Fließ die Erkenntnis mit, warum die Träumer in ihren Träumen so oft "unausstehlich witzig" seien: "... sie sind es aus Not, weil sie im Gedränge sind, ihnen der gerade Weg versperrt ist. ... Der scheinbare Witz aller unbewussten Vorgänge hängt intim mit der Theorie des Witzes und des Komischen zusammen."

Gewiss also besteht ein "Zusammenhang" - wie Jones mutmaßt - zwischen der "Traumdeutung", den "Drei Abhandlungen" und dem "Witz", doch ebenso gewiss zeichnet sich dieser, wie ich zeigen möchte, nicht vor allem durch Kontinuität aus.

In der "Einleitung" zum "Witz" (im ersten, "analytischen" Teil des Buches) lässt Freud - ähnlich wie im Literaturkapitel der "Traumdeutung" - die Bestimmungen des Komischen und des Witzes Revue passieren, die er bei anderen Autoren gefunden hat. Dabei hebt er u.a. folgende Punkte hervor 2 :

- Der Witz enthüllt "Ähnlichkeiten zwischen Unähnlichem", er ist der "verkleidete Priester, der jedes Paar traut" (Jean Paul).

- "Wir leihen einer Aussage einen Sinn und wissen, dass er ihr logischerweise nicht zukommen kann. Wir finden in ihr eine Wahrheit, die wir dann doch wiederum den Gesetzen der Erfahrung oder allgemeinen Gewohnheiten unseres Denkens zufolge nicht darin finden können. Wir gestehen ihr eine über ihren wahren Inhalt hinausgehende logische oder praktische Folge zu, um eben diese Folge zu verneinen, sobald wir die Beschaffenheit der Aussage für sich ins Auge fassen. In jedem Falle besteht der psychologische Prozess, den die witzige Aussage in uns hervorruft und auf dem das Gefühl der Komik beruht, in dem unvermittelten Übergang von jenem Leihen, Fürwahrhalten, Zugestehen, zum Bewusstsein oder Eindruck relativer Nichtigkeit." (Theodor Lipps)

- Der Witz wirkt durch "Verblüffung und Erleuchtung" (Gerardus Heymans), sein Charakter ist gekennzeichnet durch Knappheit und Verkürzung (Lipps) und dadurch, dass er "etwas Verborgenes oder Verstecktes" hervorholt (Kuno Fischer). 3

Der Wert dieser Einsichten in die Funktionsweise des Witzes sei nicht zu unterschätzen, und dennoch, so Freud, blieben sie "disiecta membra , die wir zu einem organisch Ganzen zusammengefügt sehen möchten" 4 . Disiecta Membra - zerstreute Bestandteile, das ist das, was Horaz zufolge (Sermones I, 4, Z. 62 5 ) übrig bleibt, wenn man Poesie in Prosa übersetzt 6 , der Dichtung also ihrer spezifische Form raubt. Freud will diese zerstreuten Bestandteile zu einer der Sache getreueren Theorie des Witzes zurückübersetzen. Als rhetorische Figur leuchtet die Absichtserklärung, die Bestandteile zu einem "organisch Ganzen" zusammenzufüg

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