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Vielleicht solltest du mal mit jemandem darüber reden 'Dieses Buch ist so mutig, so wahr, so tief empfunden und fesselnd.' Irvin D. Yalom von Gottlieb, Lori (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 27.04.2020
  • Verlag: hanserblau
eBook (ePUB)
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Vielleicht solltest du mal mit jemandem darüber reden

'Therapie ist wie Pornografie', schreibt die Psychologin Lori Gottlieb. 'Beides setzt eine gewisse Art von Nacktheit voraus. Beides kann großen Nervenkitzel auslösen. Und beides wird von Millionen Menschen in Anspruch genommen, die meisten behalten es jedoch lieber für sich.'
Als Lori Gottlieb sich selbst nach einer Trennung in Therapie begibt, ergeht es ihr ebenso wie ihren Patienten: Sie muss ihre eigenen blinden Flecken erkennen und sich verletzlich machen, um an Trauer, Scham und Schmerz wachsen zu können. Der schwer greifbare Prozess, der in dem intimen Verhältnis zwischen Therapeut und Patient abläuft, hat die Macht uns zu verändern, möglicherweise sogar unser ganzes Leben. Lori Gottlieb liefert eine brillante Hommage an den Menschen in all seinen Widersprüchlichkeiten und einen tiefbewegenden Einblick in alle Aspekte der Psychotherapie. Diese Lektüre lässt einen verändert zurück.
'Ein Buch, das süchtig macht.' (People)

Lori Gottlieb ist Psychotherapeutin und Autorin mehrerer Bestseller, sie lebt mit ihrer Familie in Kalifornien. Gottlieb schreibt regelmäßig für The Atlantic, The New York Times, Time, People, Elle und Slate.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 496
    Erscheinungsdatum: 27.04.2020
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783446266933
    Verlag: hanserblau
    Originaltitel: Maybe you should talk to someone
    Größe: 3008 kBytes
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Vielleicht solltest du mal mit jemandem darüber reden

 

 

1

 

Alles Idioten

 

PATIENTENNOTIZ JOHN:

Patient gibt an, er fühle sich »total gestresst«, außerdem schlafe er schlecht und habe Schwierigkeiten mit seiner Frau. Der Patient berichtet, andere Menschen würden ihm auf die Nerven gehen. Er sucht Hilfe, »um mit all den Idioten zurechtzukommen«.

 

 

Zeige Mitgefühl.

Tief durchatmen.

Zeige Mitgefühl, zeige Mitgefühl, zeige Mitgefühl ...

Wie ein Mantra wiederhole ich diesen Satz im Geist, während mir dieser vierzigjährige Mann gegenübersitzt und von all den Leuten in seinem Leben erzählt, die »Idioten« sind. Warum, will er wissen, gibt es auf der Welt nur so viele Idioten? Werden sie schon so geboren? Oder werden sie erst später dazu? Vielleicht, so grübelt er, hat es ja was mit den vielen künstlichen Zusatzstoffen zu tun, die wir heutzutage mit unserem Essen abbekommen.

»Darum versuche ich, mich biologisch zu ernähren«, erklärt er mir. »Damit ich nicht so ein Idiot werde wie all die anderen.«

Langsam verliere ich den Überblick, von welchem der vielen Idioten er gerade spricht: dem Dentalhygieniker, der zu viele Fragen stellt (»und keine rhetorischen«); dem Kollegen, der immer nur Fragen stellt (»Der sagt nie: 'So oder so ist es. Punkt.' Das würde ja heißen, dass er was zu sagen hat«); dem Fahrer des Autos vor ihm, der bei Gelb an der Ampel hielt (»Kommt gar nicht erst auf die Idee, dass andere es vielleicht eilig haben könnten«); dem Techniker von der Genius Bar bei Apple, der Johns Laptop nicht reparieren konnte (»Echt ein Genie, der Mann!«).

»John«, versuche ich gerade einzuwerfen, aber da legt er los und erzählt mir lang und breit eine Geschichte über seine Frau. Ich komme nicht einmal zu Wort, dabei ist er eigentlich zu mir gekommen, damit ich ihm helfe.

Ich übrigens bin seine neue Therapeutin. (Sein voriger Therapeut - »nett, aber ein Idiot« - konnte sich gerade mal drei Sitzungen halten.)

»Und dann wird Margo wütend - können Sie sich das vorstellen?«, erzählt er mir. »Aber sie sagt nicht, dass sie wütend ist. Sie verhält sich nur wütend und erwartet, dass ich sie frage, was sie hat. Aber ich weiß genau, wenn ich sie frage, dann sagt sie die ersten drei Mal nur 'Nichts'. Und beim vierten oder fünften Mal sagt sie dann vielleicht: 'Du weißt ganz genau, was los ist.' Worauf ich dann sage: 'Nein, weiß ich nicht, sonst würde ich ja wohl nicht fragen!'«

Er lächelt. Breit. Ich will versuchen, mit diesem Lächeln zu arbeiten - mir ist alles recht, was diesen Monolog in einen Dialog verwandelt und mir ermöglicht, eine Verbindung zu ihm herzustellen.

»Ich würde gerne verstehen, warum Sie gerade lächeln«, sage ich. »Gerade eben haben Sie mir erzählt, über wie viele Leute, Margo eingeschlossen, Sie sich ärgern. Und trotzdem lächeln Sie.«

Sein Lächeln wird noch breiter. Weißere Zähne als seine habe ich noch nie gesehen. Sie schimmern wie Perlen. »Ich lächle, weil ich genau weiß, was meine Frau aufregt, Sherlock.«

»Ah!«, entgegne ich. »Also ...«

»Stopp, stopp!«, unterbricht er mich. »Das Beste kommt noch. Also, wie gesagt, ich weiß ganz genau, was los ist, aber ich habe einfach keine Lust, mir wieder einen ihrer Vorwürfe anzuhören. Also frage ich nicht nach, sondern gehe stattdessen zur Tagesordnung über ...«

Er verstummt und guckt auf die Uhr im Bücherregal hinter mir.

Ich würde diese Gelegenheit gern nützen, um John zu bremsen. Ich könnte ihn darauf ansprechen, dass er gerade auf die Uhr gesehen hat. (Fühlt er sich hier vielleicht gehetzt?) Oder dass er mich eben Sherlock genannt hat. (Hat er sich über mich geärgert?) Ich könnte auch mehr an der Oberfläche bleiben, bei dem, was wir in der Psycho

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