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Wie ich verschwand Mein Weg aus der Magersucht von Jungk, Laura (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 03.08.2020
  • Verlag: Ullstein
eBook (ePUB)
10,99 €
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Wie ich verschwand

39 Kilo bei einer Körpergröße von 1,75 Metern: Laura wird mit 16 Jahren wegen Magersucht in eine Klinik eingewiesen. Aus der harmlosen Diät des Teenagers ist eine lebensbedrohliche Krankheit geworden - inklusive Depressionen, Panikattacken, Selbstverletzung und Lähmungserscheinungen. In ihrem ehrlichen, packenden Bericht schildert Laura den Weg in die Magersucht und wie sie wieder hinausfand. Feinfühlig und authentisch erzählt sie von typischen Mechanismen bei Essgestörten, ihrer psychischen Verfassung und der Belastung ihrer Familie. Die drastische Wahrheit über Anorexia nervosa - und ein Kompass für Betroffene und Angehörige, damit sie die Kraft finden, die lebensrettenden Schritte zu gehen.

Laura Jungk wurde im Februar 2000 in Wiesbaden geboren und zog im Alter von 5 Jahren mit ihrer Familie nach Berlin. 2013 Umzug nach Braunschweig, wo sie bis heute mit ihrer Mutter, ihrem Bruder und ihrem dreibeinigen Hund lebt.

Bereits im Alter von fünf Jahren begann sie, sich Geschichten auszudenken und begann diese auch aufzuschreiben, sobald sie zur Schule ging.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 432
    Erscheinungsdatum: 03.08.2020
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783843723015
    Verlag: Ullstein
    Serie: Ullstein Taschenbuch 06055
    Größe: 2614 kBytes
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Wie ich verschwand

2.
Im Zwielicht

Juni bis Oktober 2014

I didn't want to wake up.
I was having a much better time asleep.
And that's really sad.
It was almost like a reverse nightmare,
like when you wake up from a nightmare you're so relieved.
I woke up into a nightmare.Ned Vizzini, It's kind of a funny story

Als ich vier Jahre alt war, machten wir Urlaub auf Gran Canaria. Ich hatte orangefarbene Schwimmflügel und einen blauen Schwimmreifen mit kleinen Eisbären darauf. Jedes Mal, bevor ich ins Wasser sprang, und jede Sekunde, die ich im Wasser verbrachte, überprüfte ich, ob Schwimmreifen- und -flügel sicher bei mir waren.

Meine Mutter, mein Vater, meine Großeltern redeten auf mich ein, dass eines von beidem reichte, dass es nicht schlimm sei, wenn ich meinen blauen Schwimmreifen verlieren würde, dass ich ihn nicht überallhin mitschleppen müsse. Aber obwohl alle anderen Kinder und selbst mein zweijähriger Bruder nur mit den Schwimmflügeln über Wasser blieben, glaubte ich ihnen nicht. Ich war felsenfest davon überzeugt, ohne den Schwimmreifen zu ertrinken. Und so schleppte ich ihn zwei Wochen lang, Tag für Tag, zuerst mit an den Swimmingpool und später weiter mit ans Meer.

Daniel und ich sprangen gern vom Beckenrand, und ich klammerte mich stets fest an meinen Reifen, um ihn bloß nicht zu verlieren. Auch am letzten Tag. Mein Bruder sprang, ich sprang. Meine Mutter stand nicht weit von uns entfernt und beobachtete uns. Ich hatte mich wie immer doppelt abgesichert. Bei einem der letzten Sprünge hielt ich den Schwimmreifen jedoch nicht gut genug fest und verlor ihn bei meinem Sprung ins Becken.

Sobald ich bemerkte, dass er fehlte, war ich mir sicher, gleich zu ertrinken. Ich atmete Wasser ein, begann zu schreien und versuchte, meinen Schwimmreifen zu erreichen, der einige Meter von mir entfernt im Pool trieb. Ich hörte meine Mutter rufen.

"Laura, du kannst nicht ertrinken. Es ist alles gut! Komm rüber."

Es half nichts. Ich dachte, ich würde sterben. Bis mich mein sechs Jahre älterer Cousin schließlich packte und aus dem Wasser zog. Ich war davon überzeugt, er habe mir das Leben gerettet und ich wäre ohne ihn ertrunken.

Nach dem Umzug nach Braunschweig, neun Jahre später, wurde die Magersucht mein Schwimmreifen. Ich klammerte mich an sie und war mir sicher, dass etwas Schreckliches geschähe, sobald ich sie losließe. Ich hatte Angst, ohne sie zu ertrinken. Jede Zelle meines Körpers, jeder Gedanke signalisierte mir, dass ich die Magersucht brauchte und ohne sie verloren wäre.

Es war im Juni 2014, als ich schließlich feststellte, wie sehr ich meinen neuen Schwimmreifen benötigte. Das Vertrauen, dass "die Schwimmflügel" mich über Wasser halten würden, oder gar das Selbstvertrauen, dass ich allein schwimmen könnte, hatte ich längst verloren.

Und je absurder mein Klammern wurde und je eindringlicher die Worte der Außenstehenden, desto mehr war ich davon überzeugt, meine Essstörung zu brauchen. Ich sah keine Gefahr in der Magersucht, ich sah in ihr meine Freundin, meinen Anker, meine Rettung.

Das ist der Grund, warum wir nicht loslassen können.

Magersucht ist Sicherheit. Diese Worte klingen unendlich paradox, wenn man sich vor Augen führt, dass diese Krankheit in den Tod führen kann. Gleichzeitig ist sie jene nagende kleine Stimme in meinem Kopf, die auf ihre Art und Weise immer für mich da war. Wenn ich mich fallen ließ, weil ich das Leben nicht aushielt, weil ich mich nicht aushielt, weil ich mich hilflos und verloren fühlte, fing sie mich auf und gab mir ein paar Minuten lang das Rauschgefühl des Nicht-Essens.

Magersucht ist wie eine Droge, du nimmst sie einmal, zweimal, und irgendwann kommst du von ihr nicht mehr los. Du redest dir ein, ohne sie zu versinken. Du brauchst sie, weil du sicher bist, ohne sie zu ertrinken.

Seit ich an Magersucht erkrankte, kann ich Kälte nicht ausstehen. Sie erinnert mich

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