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Migration, Kultur und psychische Gesundheit Dem Fremden begegnen von Machleidt, Wielant (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 11.04.2013
  • Verlag: Kohlhammer
eBook (PDF)
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Migration, Kultur und psychische Gesundheit

Wer den Schritt der Migration wagt, begibt sich auf eine abenteuerliche Reise, an deren Ende er keine andere Wahl hat als die, ein anderer zu werden als der, der er vor seiner Abreise war. Der Orts- und Kulturwechsel ist nur die äußere Veränderung - die innere psychische Reise weist weit zurück zu den Anfängen der Persönlichkeit und voraus auf die Bildung einer neuen Identität. Dieser Band vermittelt ein tiefes Verständnis von Integration als Individuation und kultureller Adoleszenz und stellt die Dynamik des Migrationsprozesses und seiner typischen Konflikte anschaulich dar. Auch die psychische Gesundheit von Menschen aus anderen Kulturen, ihre Verletzlichkeiten in der Fremde und die wesentlichen Merkmale interkultureller Psychotherapie kommen ausführlich zur Sprache.

Prof. em. Dr. med. Wielant Machleidt war Direktor der Abteilung Sozialpsychiatrie und Psychotherapie an der Medizinischen Hochschule Hannover.

Produktinformationen

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Migration, Kultur und psychische Gesundheit

2. Vorlesung
Emotionslogik im Migrationsprozess

Ablösung von der Herkunftskultur

Jeder freiwilligen Migration geht die Neugier auf das neue Unbekannte voraus, verbunden mit der Faszination an den Wandlungsprozessen und Metamorphosen, die durchlaufen werden, und den Errungenschaften und ungeahnten Möglichkeiten, die sich eröffnen. Das Erleben in dieser Phase des Migrationsprozesses ist von dem Grundgefühl der Neugier und Vorfreude auf das Neue, Unbekannte geprägt. Migration löst entgegen verbreiteten Annahmen bei den Sesshaften der Aufnahmekultur nicht nur Ängste und Verzweiflung aus, sondern Hoffnungen auf ein besseres Leben, und zwar auch dann, wenn die Migration eine durch Krieg und Vertreibung erzwungene war. Die Migration hat häufig ein solches "utopisches Moment". Man hofft auf einen radikalen Neuanfang des eigenen Lebens und möchte auch den Verstrickungen in die Geschichte der eigenen Kultur entkommen - wie z. B. die Deutschen, die nach dem Zweiten Weltkrieg in die USA emigrierten 50 . Nicht übersehen werden darf, dass die weitaus meisten Migrationsgeschichten Erfolgsgeschichten sind. Dies muss einer häufig anzutreffenden Dramatisierung, die Abwehrcharakter hat, entgegengehalten werden. Die globale transnationale Migration ist ein normalpsychologisches anthropologisches Phänomen, das zukünftig erheblich zunehmen wird.

Das zweite Grundgefühl ist die unvermeidliche Angst vor dem Unbekannten. Diese Angst hat als eine normalpsychologische Erwartungsangst die Funktion der realitätsbezogenen Bewertung und Planung, der Abwägung von Chancen und Risiken und der antizipatorischen Absicherung. Ihre Überwindung geht dem dann folgenden schmerzhaften Handlungsschritt der Trennung und Ablösung als eine Art Vorbereitungsgefühl voraus. Die Entdämonisierung und Entdramatisierung dieser Angst vor dem fremden Unbekannten ist eine notwendige Voraussetzung bei der Verwirklichung einer Migration. Ohne diese wird der Schritt einer freiwilligen Migration nicht getan. Beim Akt der Migration kommt es zum Trennungsschmerz. Der Trennungsschmerz ist ein Grundgefühl, das tief empfunden wird von allen Menschen, die fortgehen und Kulturgrenzen unwiderruflich überschreiten. Man kann diesen ganz ursprünglichen Schmerz einen Schmerz nennen, der Wachstum ermöglicht, also einen "Wachstumsschmerz" 51 . Dieser Schmerz ist Schmerz als Grundgefühl der Trennung und weder Angst noch Trauer. Aber er kann mit beiden assoziiert sein. Erst nach diesem vollzogenen Akt der Trennung erfolgt der Rückblick auf das Zurückgelassene und die Trauer um die erlittenen Verluste. Diese Abschiedstrauer wird als ein Gefühl des "Sterbens" bezeichnet, verknüpft mit der Aufgabe der gewohnten sozialen Rollen und der Alltagsrituale. Bei der glücklichen Ankunft in der Aufnahmekultur treten freudige Gefühle auf. Die Begegnung mit der neuen Kultur ist eine Art "Honeymoon", bei der sich Triumph- und Erfolgsgefühle über die gelungene Ankunft und die Faszination bei der Begegnung mit der Aufnahmekultur zu einem Hochgefühl steigern (Abb. 6). In der Zeit des "Honeymoons", der nach Einschätzung von Migranten etwa ein halbes bis ein Jahr andauern kann, werden die als gut erlebten Objekte der Aufnahmekultur bereitwillig aufgenommen, so dass eine schnelle Akkulturation resultiert.

Die aufgezeigte Emotionslogik beim Migrationsakt hat zyklischen Charakter. Das heißt, die Gefühlsqualitäten Neugier, Angst, Schmerz, Trauer und Freude werden im Wachen, in Träumen und in Tagträumen immer wieder durchlaufen und dadurch insbesondere in der Interaktion der Betroffenen untereinander mehr und mehr bewältigt. Diese von Lungwitz begründeten Grundgefühle 52 begleiten den Aufbruch in die Aufnahmekultur und münden idealerweise in die Annährungs- und die Integrationsphase nach der Ankunft ein. Während bei freiwilligen Migranten in der Aufbruchphase im Heimatland und einem Überwechseln in die Aufnahmekultur im Allgemeinen ke

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