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Selbst im Spiegel Die soziale Konstruktion von Subjektivität von Prinz, Wolfgang (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 11.03.2013
  • Verlag: Suhrkamp
eBook (ePUB)
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Selbst im Spiegel

Fragen nach Geist, Subjektivität und freiem Willen beschäftigen seit jeher die Philosophie, aber auch die Psychologie. Mit Selbst im Spiegel legt Wolfgang Prinz eine neue Theorie des Geistes vor. Der menschliche Geist, so Prinz, ist ein radikal offenes System, das keineswegs "fertig" auf die Welt kommt. Vielmehr muss er erst geschaffen und geformt werden - in Interaktion mit anderen geistbegabten Wesen. Erst im Spiegel der anderen verstehen wir, was Denken und Handeln ist. Erst nachdem wir Subjektivität bei anderen entdeckt haben, schreiben wir sie uns selbst zu. Sie ist - wie der freie Wille - ein soziales Artefakt, aber dennoch ebenso real wie eine Naturtatsache.

Wolfgang Prinz, geboren 1942, ist emeritierter Direktor am Max- Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig sowie Honorarprofessor an den Universitäten München und Leipzig. Er wurde u. a. mit dem Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft und dem Oswald-Külpe-Preis ausgezeichnet.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 502
    Erscheinungsdatum: 11.03.2013
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783518731499
    Verlag: Suhrkamp
    Originaltitel: Open Minds. The Social Making of Agency and Intentionality
    Größe: 1621 kBytes
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Selbst im Spiegel

11PROLOG

Die Natur der übrigen Geschöpfe ist fest bestimmt

und wird innerhalb von uns vorgeschriebener Gesetze begrenzt.

Du sollst dir deine ohne jede Einschränkung und Enge,

nach deinem Ermessen, dem ich dich anvertraut habe,

selbst bestimmen.

 

[ ]

 

Weder haben wir dich himmlisch noch irdisch,

weder sterblich noch unsterblich geschaffen,

damit du wie dein eigener, in Ehre frei entscheidender,

schöpferischer Bildhauer dich selbst zu der Gestalt ausformst,

die du bevorzugst.

 

Giovanni Pico della Mirandola1

SELBSTBESTIMMUNG ALS GESCHENK DES HIMMELS

Im Jahre 1486, in der Blütezeit des norditalienischen Humanismus der Renaissance, hielt der Edelmann Giovanni Pico della Mirandola eine Rede an die geistige Elite von Florenz mit dem Titel »Über die Würde des Menschen«. Diese Rede sollte ein Manifest des Humanismus werden ein programmatisches Dokument einer neuen Auffassung der Stellung des Menschen 12in der Welt, das gewissermaßen dessen Landschaft neu kartographiert, um die gesamte Aufmerksamkeit auf die Begabung und die Fähigkeiten des Menschen und die menschliche Perspektive zu konzentrieren. Im Zentrum der neuen Auffassung steht die Vorstellung, daß der Mensch nicht nur Gottes Geschöpf ist, sondern auch sein eigener Schöpfer. Nachdem Gott den Menschen nach Seinem Bilde geschaffen und ihn nach Seinem Ebenbild geformt hatte, gesteht er ihm einen Schöpferstatus zu, um sich selbst zu erschaffen und zu formen, sowie Wahlfreiheit, um sich zu der von ihm bevorzugten Gestalt, welche auch immer das sein mag, zu bilden.

Pico della Mirandola läßt Gott zu Adam sprechen und ihm erklären, daß Er ihn mit der Fähigkeit ausgestattet habe, sich selbst zu erschaffen und sein eigenes Wesen zu bestimmen (» Du sollst dir deine ohne jede Einschränkung und Enge selbst bestimmen.«). Gottes Rede versetzt Adam in die Rolle eines Künstlers oder eines Ingenieurs, der sich selbst erfindet und schafft das ist in der Tat eine gottähnliche Rolle, denn derselbe Text wendet sich an Gott als den obersten Architekten und Handwerker der Welt. Da der Mensch jetzt mit der Fähigkeit ausgestattet ist, sich selbst zu gestalten, müssen demzufolge Tatsachen, die das Wesen des Menschen betreffen, weitgehend Tatsachen mit Bezug auf von ihm selbst geschaffene Gegenstände sein.

Heute, über 500 Jahre später, stellen wir fest, daß Picos Botschaft in unterschiedlichen Lebensbereichen und Zweigen der Gelehrsamkeit, wie zum Beispiel den Künsten, der Literatur, der Politik, der Ökonomie und der Jurisprudenz, allgemein aufgenommen und weithin umgesetzt wurde. In diesen Bereichen sind die moderne Theorie und Praxis äußerst stark in der Vorstellung verankert, daß Menschen autonome Akteure sind, die sich zumindest bis zu einem gewissen Grad selbst erfinden und erschaffen und ihr Leben gestalten können. Die westliche, nachaufklärerische Moderne nimmt an, daß Menschen das Recht und die nötige Fähigkeit besitzen, ihren eigenen Lebensstil zu 13bestimmen. Solche Rechte und Fähigkeiten schreiben wir nicht nur Individuen, sondern auch Kollektiven wie etwa Familien, Stämmen, Kulturen und Staaten zu. Doch Picos Behauptung deutet darauf hin, daß die Selbstbestimmung der Menschheit tiefer geht, als bloß an der Oberfläche unseres Lebensstils zu kratzen. Sie scheint zu postulieren, daß wir Menschen sogar die Begabungen und

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