text.skipToContent text.skipToNavigation

Verschwiegene Wunden Sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche erkennen und verhindern - Mit einem Vorwort von Anselm Grün von Müller, Wunibald (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 30.11.2010
  • Verlag: Random House E-Books
eBook (ePUB)
11,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

Verschwiegene Wunden

Die Katholische Kirche ist in Aufruhr. In bedrückend großer Anzahl treten Opfer sexuellen Missbrauchs ans Licht, ihre Verletzungen finden Sprache. Kirchliches Personal, Priester, Mönche, Erzieher stehen am Pranger. Unbedingte Solidarität mit den Opfern macht einen differenzierten Blick auf Ursachen der augenblicklichen Notsituation dringlich. Wunibald Müller, erfahrener Psychotherapeut und Theologe, kennt die Situation sexuellen Missbrauchs in der Kirche aufgrund seiner täglichen Arbeit bestens. Der renommierte Fachmann klärt für das Thema Missbrauch wesentliche Hintergründe (u.a. Zölibat, Homosexualität, Pädophilie). Er analysiert hierarchische Beziehungen, die zum Missbrauch führen können, und liefert spirituell und therapeutisch tragfähige Hilfestellungen, um der dramatischen Situation präventiv und nachhaltig zu begegnen.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Erscheinungsdatum: 30.11.2010
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641048877
    Verlag: Random House E-Books
    Größe: 305kBytes
Weiterlesen weniger lesen

Verschwiegene Wunden

Die Fälle sexuellen Missbrauchs in katholischen Internaten und in weltlichen Eliteschulen erschrecken die Menschen. Viele fragen sich, wie das geschehen kann. Oft sind es beliebte Lehrer, begnadete Lehrer, wie die Eltern sagen, die die Kinder missbrauchen. Ich sehe vor allem drei Ursachen, die zum Missbrauch führen:
Die eine Ursache ist die fehlende Integration der Sexualität in den Lebensvollzug der Menschen. Das gilt für zölibatäre Priester wie für Ehemänner und Väter. Auch Verheiratete sind gefährdet, ihre Sexualität an jüngeren und schwächeren Menschen auszuleben, anstatt sich der oft schwierigen Beziehung zum eigenen Ehepartner zu stellen.
Die zweite Ursache ist subtiler. Jeder Lehrer und Erzieher lebt ein archetypisches Bild. Das archetypische Bild des Helfers, des Begleiters, des Heilers bringt den Lehrer und Erzieher in Berührung mit den Fähigkeiten, die in seiner Seele schlummern. Sie wecken in ihm die Bereitschaft, sich auf die jungen Menschen einzulassen. Doch gefährlich ist es immer, wenn wir uns mit so einem archetypischen Bild identifizieren. C. G. Jung, der Schweizer Psychologe, nennt das Inflation. Ich blähe mich mit Bildern auf. Diese stehen mir zwar zu, doch wenn ich mich mit einem archetypischen Bild identifiziere, werde ich blind für meine eigenen Bedürfnisse. Keiner missbraucht ein Kind aus Bosheit. Das könnte er vor dem eigenen Gewissen gar nicht verantworten. Doch wenn er sich mit dem archetypischen Bild des Helfers oder Heilers identifiziert, dann merkt er gar nicht, wie er unter dem Vorwand, dem Kind zu helfen oder seine Verklemmtheit zu heilen, seine eigenen sexuellen Bedürfnisse oder sein Bedürfnis nach Nähe und Zärtlichkeit ausagiert. Diese Blindheit des Missbrauchers ist das größte Problem. Denn die Grenze zwischen dem archetypischen Bild, das mich antreibt, ein guter Lehrer und Erzieher zu sein, und der Identifizierung mit diesem archetypischen Bild ist fließend. Viele merken nicht, wann sie diese Grenze überschreiten.
Die dritte Ursache ist tragisch: Oft sind die Täter selbst Opfer gewesen. Sie wurden als Kind missbraucht und geben nun diesen Missbrauch unbewusst weiter. Sie meinen, wenn sie den Missbrauch weitergeben, von ihrer eigenen verschwiegenen Wunde geheilt zu werden. Daher ist es umso wichtiger, die verschwiegenen Wunden des Missbrauchtwordenseins anzuschauen und sich damit auszusöhnen. Sonst geben wir die Verletzungen eben an andere weiter. Nur wenn wir uns mit den Wunden aussöhnen, können sie sich in Perlen verwandeln, wie Hildegard von Bingen den Weg der Heilung beschreibt. Dann werden Menschen, die einmal Missbrauch erfahren haben, zu guten Therapeuten und Erziehern und Lehrern, die den Kindern helfen, ihre eigene Würde zu entdecken und trotz aller Verletzungen das Heile und Heilige in sich zu entdecken.
So wünsche ich dem Buch von Wunibald Müller, dem Leiter des Recollectio-Hauses, viele aufmerksame Leser, damit Missbrauch mehr und mehr verhindert wird und die verschwiegenen Wunden der Opfer angeschaut und geheilt werden.
Münsterschwarzach, im März 2010 P. Anselm Grün OSB

Hinführung
Schweigen kann etwas Schönes sein. Es kann helfen, mit sich, mit dem Tieferen in einem selbst, in Berührung zu kommen, ja, Gott zu erspüren. Verschweigen dagegen kann verheerende Folgen haben. Ich spreche dann nicht aus, was ins Wort gebracht, ausgesprochen werden müsste. Ich verschweige eine Wirklichkeit, manchmal die Wahrheit.
Wunden, die verschwiegen werden, obwohl sie da sind und zu meiner Wirklichkeit und Wahrheit gehören, schwären vor sich hin. Sie können nicht heilen. Es sei denn, ich stehe zu ihnen, verschweige sie nicht länger. Doch bis ich so weit bin, kann es lange dauern. Manchmal sehr lange.
Was augenblicklich in der katholischen Kirche im Zusammenhang mit dem Missbrauch Minderjähriger durch Priester geschieht bzw. geschehen sollte, ist unter anderem auch ein Prozess, der das Verschweigen von zugefügten Wunden

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen

    ALDI life eBooks: Die perfekte App zum Lesen von eBooks.

    Hier finden Sie alle Ihre eBooks und viele praktische Lesefunktionen.