text.skipToContent text.skipToNavigation
background-image

Der absolute Leser Hans Blumenberg. Eine intellektuelle Biographie von Zill, Rüdiger (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 21.06.2020
  • Verlag: Suhrkamp
eBook (ePUB)
32,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

Der absolute Leser

Hans Blumenbergs Denken ist eng verbunden mit seiner eigenen Lebenszeit und mit der Gesellschaft der alten Bundesrepublik. Unter dem Nationalsozialismus wegen seiner jüdischen Mutter verfolgt, geprägt vom katholischen Milieu seines Vaters und einem humanistischen Elitegymnasium in der Hansestadt Lübeck, war er seit frühester Jugend ein obsessiver Leser, der Literatur, Philosophie, Theologie, Naturwissenschaften und Zeitgeschichtliches gleichermaßen aufgesaugt und daraus ein herausragendes Werk geschaffen hat. Im Rückgriff auf bisher unerschlossene Archivquellen legt Rüdiger Zill in seinem reich bebilderten Buch die lebensgeschichtlichen Wurzeln dieses Werks frei und zeigt, dass es keineswegs so monolithisch ist, wie es auf den ersten Blick erscheint. Vielmehr versteht man es nur, indem man seine Wege und Umwege nachvollzieht sowie die Vernetzungen mit den Wissenschaften in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Der absolute Leser gewährt erstmals einen umfassenden Einblick in die Werkstatt eines Autors, der wie kein zweiter die Entwicklung seiner Arbeit akribisch dokumentiert hat. Hans Blumenberg beim jahrzehntelangen Lesen, Entwerfen und Formulieren über die Schulter zu sehen heißt auch, etwas über das faszinierende Handwerk des Denkens selbst zu lernen. Rüdiger Zill, geboren 1958, studierte Philosophie, Geschichte und Soziologie in Berlin und London. Nach Promotion und Lehrtätigkeiten u.a. an der TU Dresden und der New School of Social Research in New York ist er seit 1997 wissenschaftlicher Referent am Einstein Forum in Potsdam.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 500
    Erscheinungsdatum: 21.06.2020
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783518765043
    Verlag: Suhrkamp
    Größe: 32073 kBytes
Weiterlesen weniger lesen

Der absolute Leser

7 Die Lesbarkeit des Denkens: Ein Prolog

Auf Lesen und Tod

"Manchmal spielt die Geschichte mit Zahlen." 1

Abb. 1: Hans Blumenberg mit "Hühnergott", frühe 1950er Jahre.

Am 28. März 1942, in der Nacht vor Palmsonntag, flogen britische Bomber einen Angriff auf Lübeck und zerstörten große Teile der alten Hansestadt; die traditionsreichen Straßen und Häuser verwandelten sich in Schutt und Asche, so auch das Haus des Verlegers von Kunstdrucken Josef Carl Blumenberg. Die Familie überlebte, nur der Collie Axel kam um. Für den Sohn Hans bedeutete diese Nacht dennoch eine Art ersten Tod, denn die gesamte Bibliothek des Einundzwanzigjährigen wurde bei dem Angriff vernichtet: ein großer Bestand an Werken aus Philosophie, Theologie, Geschichte, Kunstgeschichte, Naturwissenschaft und Literatur.

Auf den Tag genau 54 Jahre später, am 28. März 1996, starb im westfälischen Altenberge bei Münster der inzwischen viel beachtete Philosoph Hans Blumenberg, umgeben von seiner längst wieder auf tausende von Bänden angewachsenen Bibliothek und auch mehreren zehntausend von ihm selbst geschriebenen Seiten.

So kontingent die kalendarische Koinzidenz beider Daten ist, so bedeutsam kann man sie finden, fühlt man sich doch an eine alte allegorische Form der Sinnstiftung erinnert. Seit der Patristik kennen Theologen die Figuraldeutung, bei der ein realgeschichtliches Ereignis des Neuen Testaments auf ein anderes aus dem Alten zurückbezogen wird. Das frühere hat nicht nur für sich selbst Bedeutung, sondern weist auch auf das spätere voraus, kündigt es an: Das eine ist die Verheißung dessen, was das andere er 8 füllt. Manchmal ist, um diese Beziehung herzustellen, ein "bestimmter Interpretationswille" erforderlich. 2 Das gilt umso mehr für die säkularisierte Form, die sich gelegentlich ähnlicher Interpretationsmuster bedient. Die Präfiguration ist eine der Möglichkeiten, den Ereignissen imaginative Prägnanz zu verleihen, eine der Wirkungsweisen, "mit denen die Bedeutsamkeit 'arbeitet'". 3 Der Bedeutsamkeit und ihren Mitteln ist ein zentrales Kapitel von Arbeit am Mythos gewidmet. Und auch wenn die Präfiguration hier noch nicht explizit genannt wird, so gehört sie doch eindeutig dazu. Präfiguration ist vor allem dann das Mittel der Wahl, wenn historische Akteure in der Geschichte nach Vorgängern suchen, um deren Schicksal als Entscheidungshilfe für eigene Entschlüsse zu Rate ziehen zu können. Aber auch als Sinndeutungsangebot von Ereignissen, die den Deutenden nicht unmittelbar selbst betreffen, leistet sie ihre Dienste. Natürlich ist diese Prägnanzbildung eine "Mythisierung", und zwar eine, die "an die Grenze der Magie" heranreicht. 4 Aber auch wenn man sich dieser Mythisierung entziehen zu können glaubt, bleibt ihre intellektuelle Faszination bestehen. Wo sich eine Beziehung so sehr aufdrängt, kann man sie als glückliche Fügung sehen, die einer Sache ihr Symbol von selbst verleiht. Magische Beziehungen wirken auch bei denen, die nicht an sie glauben. 5

Bedeutende Teile der Bibliothek, die sich Blumenberg nach der Bombardierung Lübecks über die Jahre wieder aufgebaut hat, sind im Deutschen Literaturarchiv in Marbach aufbewahrt und ebenso öffentlich zugänglich wie das, was durch ihren Leser daraus hervorgegangen ist: Blumenbergs Arbeiten in Gestalt seiner Buchmanuskripte, und zwar die zu Lebzeiten oder postum veröffentlichten ebenso wie die zahlreichen bis heute nicht publizierten, außerdem Vorarbeiten, Briefe, Notizen und Karteikarten - eine umfangreiche literarisch-theoretische Denkmaschinerie. 6

Die Arbeit an dieser Maschinerie war eine an und mit Texten und erzeugte ihrerseits wieder Texte. Blumenberg lebte intensiv mit seinen Lektüren und in der Arbeit an seinen M

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen