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Thomas Müntzer Der Mystiker. Ausgewählt von Gerhard Wehr von Müntzer, Thomas (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 07.07.2015
  • Verlag: Edition Erdmann in der marixverlag GmbH
eBook (ePUB)
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Thomas Müntzer

Thomas Müntzers Mystik und seine Äußerungen im Allgemeinen sind für seine Zeit gewagt: Seine Theorie des Erlebens des Gotteswortes weit über Luthers sola scriptura hinaus entfremdet den jungen Prediger zeitig von seinem einstigen Vorbild Luther. Es vermischt sich stets mit seinen politischen Ansichten und ergibt so einen eindringlichen und eschatologischen Ruf zur Umkehr nicht nur im religiösen, sondern betont auch im weltlichen Bereich. Müntzer kann sich so einem Anschluss an den Bauernaufstand in den 1520er Jahren nicht erwehren und dies ohne das lutherische Protektorat. Sind seine Schriften bisweilen auch fragwürdig ob ihres Aufrufs zu Gewalt, so sind es doch gerade seine Thesen von der Gegenwärtigkeit des Gotteswortes und seine liturgischen Reformideen, die seinem Werk eine bis in die Gegenwart fortdauernde Lebenskraft verleihen. Thomas Müntzer wird um 1489/1490 in Stollberg im Harz geboren. Nach einem Studium in Leipzig und Frankfurt an der Oder erhält er 1514 seine Priesterweihe in Halberstadt. Von 1516 an geht er diversen kirchlichen Anstellungen nach, ist u. a. Beichtvater in einem Nonnenkloster und Schulvorsteher. Um 1517/1519 herum wird er mit Martin Luther bekannt. Aufgrund seiner sich bald nicht mehr im Einklang mit Luthers Reformansichten befindenden Äußerungen in Schriften und öffentlichen Auftritten wird er immer wieder ausgewiesen und muss sich neue Anstellungen zu suchen. 1523 heiratet er die ehemalige Nonne Ottilie von Gersen. 1525 zieht er mit den aufständischen Bauern ins Feld; vor Frankenhausen werden sie vernichtend geschlagen. Müntzer gerät in Gefangenschaft, wird gefoltert, verhört und schließlich enthauptet. Dr. theol. h.c. Gerhard Wehr, geb. 1931 in Schweinfurt/Main. Nach langjähriger Tätigkeit auf verschiedenen Feldern der Diakonie und der Erwachsenenbildung, zuletzt als Lehrbeauftragter an der Fachakademie für Sozialpädagogik in Rummelsberg/Nürnberg, arbeitet er als freier Schriftsteller in Schwarzenbruck bei Nürnberg. Ein Großteil seiner Werke zur neueren Religions- und Geistesgeschichte ist in mehreren europäischen und asiatischen Sprachen verbreitet.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: AdobeDRM
    Seitenzahl: 160
    Erscheinungsdatum: 07.07.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783843804943
    Verlag: Edition Erdmann in der marixverlag GmbH
    Größe: 952 kBytes
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Thomas Müntzer

II. DIE TEXTE

DAS PRAGER MANIFEST

(erweiterte Fassung)

Angesichts der Frage nach Theologie und Zielsetzung Thomas Müntzers gehört das von ihm in vier Fassungen entworfene "Prager Manifest" zu den ersten und wichtigsten Dokumenten, die wir seiner Feder verdanken. Es zeigt die "eigenartige Verbindung von mystischem Spiritualismus 45 und Apokalyptik" (Gottfried Seebaß). Damit sind die beiden Sichtweisen, deren sich Müntzer bediente, um seine Botschaft auszurichten, benannt. Er richtete seinen Blick sowohl nach innen wie nach vorne, nämlich auf die Christusankunft und die große Wende, wie sie namentlich im 16. Jahrhundert von vielen erhofft und angekündigt wurde. Darunter ist zum einen die Hervorhebung des auf innere, mystische Erfahrung gegründeten Erfasstwerdens vom Heiligen Geist zu verstehen. Zum andern ist sich der Verfasser des Manifests bewusst, dass die Zeit drängt und dass, von Gott geoffenbart, das Ende aller Dinge mit dem Anbruch einer neuen Welt in der Gestalt einer grundlegenden Reformation unmittelbar bevorstehe. Gelegentlich wird von ihm die prophetische Botschaft von Joachim von Fiore (gest. 1202) aufgerufen. Daher sein Drängen, daher auch seine in Wort und Schrift sich artikulierende Ungeduld angesichts des Bevorstehenden. Bewusst ist er sich ferner, dass der böhmische Theologe und Kirchenkritiker Johannes Hus ein Jahrhundert vor ihm die zu erwartende Wende 46 bereits eingeleitet und durch seinen Märtyrertod während des Konzils von Konstanz (1415) besiegelt hat. Seiner, der Lebensspur von Hus, versucht Müntzer zu folgen. Nun aber sei es eine Sache, die der Stolberger Prediger der ganzen böhmischen Nation darzustellen und seinen Freunden ans Herz zu legen hat. Das Prager Manifest nimmt darauf Bezug .

Luther und mit ihm die ihm verbundenen Wittenberger Theologen bleiben in dieser Verlautbarung Müntzers so gut wie unerwähnt, zumal er sich nun selbst als der maßgebliche, neue Akzente setzende Reformator versteht. Dennoch gilt er auch noch während seines nur über wenige Monate sich erstreckenden Aufenthalts in Prag für die Hiesigen unter den Hussiten als ein "Martinianer" und empfiehlt sich damit als einer ihrer Gesinnungsfreunde. Als ein solcher, das heißt als ein Geistesverwandter sowohl der Hussiten als auch der Luther-Bewegung, wird er zumindest anfangs an Ort und Stelle Anerkennung und gegebenenfalls wohl auch die erforderliche Unterstützung erhalten haben. Wenn der Autor des Manifests schließlich werbend von der Reformation spricht, die ihm am Herzen liegt, dann meint er nicht allein eine theologische Lehre, die sich zwischen zwei Buchdeckel pressen lässt. Er meint hier und immer wieder das heute im menschlichen Seelengrund vernehmbare, als ein Geistesereignis zu ergreifende Gotteswort, das nunmehr die "Sache der Böhmen" werden solle. Er meint somit vor allem keinen stummen, sondern einen in jedem Menschen redenden; er meint einen jeden anredenden Gott. Das bringt er am Schluss zum Ausdruck. Diesem Gott leiht er nun seine Stimme, und zwar seiner Meinung nach anders als Luther. Es handelt sich um:
Der Böhmen Sache betreffende Protestation

Ich, Thomas Müntzer, gebürtig von Stolberg, [derzeit] mit Wesen zu Prag, der Stadt des teuren und heiligen Kämpfers Johannes Hus, gedenke: Die lauten und beweglichen Trompeten erfüllen [diesen Ort] mit dem Lobgesang des Heiligen Geistes.

Zunächst ein Wort zur Selbstcharakteristik, in der Müntzer - seiner anfeuernden Ausdrucksweise und Wesensart entsprechend - mit heftigen antiklerikalen Schimpfworten nicht spart, insoweit er mit der Romkritik der ebenfalls romkritischen Böhmen, namentlich der Hussiten, übereinstimmt, ehe er auch Luther und die Wittenberger seiner temperamentvollen Rüge aussetzt. Hier beklagt er die geistliche Ink

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