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'Komm süßer Tod' - Europa auf dem Weg zur Euthanasie? Zur theologischen Akzeptanz von assistiertem Suizid und aktiver Sterbehilfe von Frieß, Michael (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 28.08.2008
  • Verlag: Kohlhammer Verlag
eBook (ePUB)
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'Komm süßer Tod' - Europa auf dem Weg zur Euthanasie?

Aktive Sterbehilfe als Ausdruck gläubigen Vertrauens? Die großen Kirchen in Deutschland sind sich in ihrer strikten Ablehnung einer Liberalisierung der Sterbehilfe einig. Umso augenfälliger ist es, dass diese Position von vielen Christen und von anderen Volkskirchen in Europa nicht geteilt wird. Diskutiert wird über das umstrittene Vorbild anderer europäischer Staaten und darüber, ob gesetzliche Neuregelungen auch in Deutschland notwendig sind. Frieß beschreibt die zentralen Positionen in den juristischen und theologischen Kontroversen. Er deckt Inkonsequenzen auf und hinterfragt kritisch die ablehnenden Stellungnahmen der Kirchen. Schließlich denkt er Argumentationslinien konsequent weiter, an deren Ende ein christlich begründetes 'Ja' zur Akzeptanz von assistiertem Suizid und aktiver Sterbehilfe stehen kann.

Dr. Michael Frieß.

Produktinformationen

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'Komm süßer Tod' - Europa auf dem Weg zur Euthanasie?

Zur Einführung

"Die Bewegungen der Kranken hatten zugenommen. Eine schreckliche Unruhe, eine unsägliche Angst und Not, ein unentrinnbares Verlassenheits- und Hülflosigkeitsgefühl ohne Grenzen mußte diesen, dem Tode ausgelieferten Körper vom Scheitel bis zur Sohle erfüllen. Ihre Augen, diese armen, flehenden, wehklagenden und suchenden Augen schlossen sich bei den röchelnden Drehungen des Kopfes manchmal mit brechendem Ausdruck oder erweiterten sich so sehr, daß die kleinen Adern des Augapfels blutrot hervortraten." 1

Verlassen wir die um das Bett der Konsulin versammelte Familie für den Moment, nicht ohne das Versprechen, später wieder zurückzukehren. Es ist ein ungutes Gefühl, das uns auf dem Weg über die herrschaftlichen Treppen hinunter auf die Mengstraße befällt. In das Mitleid mischt sich wohl auch die bange Frage, ob einem selbst das Schicksal, die Vorsehung oder der Plan Gottes ein solches Ende bereithalten mögen.

"Komm süßer Tod", mit dieser Bitte beginnt hier ein Rundgang durch die bundesdeutsche Sterbehilfe-Debatte, immer mit Seitenblicken auf Situationen und Diskurse in unseren Nachbarländern. Den Ausgangspunkt bildet dabei eben dieses ungute Gefühl, dem zwei Grundängste zugeordnet werden können.

Zwar kennt wohl jeder die Hoffnung auf einen "guten Tod" 2 , oder, wie es Johann Sebastian Bach singen lässt, auf einen "süßen Tod" 3 : die Hoffnung, am Ende des Lebens einem schmerzvollen Leiden entgehen zu können und nicht bis zuletzt im Räderwerk einer als fremdbestimmend empfundenen Geräte- und Arzneimittelmedizin gefangen zu bleiben, die nicht nur das Leben, sondern auch das Leiden verlängern kann. Doch immer wieder setzt sich das Unbehagen der Verunsicherung durch, die Angst vor Hilflosigkeit, Entmündigung, Autonomieverlust.

Auch die zweite Grundangst speist sich aus der Befürchtung, den eigenen Willen und die eigenen Wünsche nicht durchsetzen zu können. Doch nicht das potenzielle Grauen medizinischer Überversorgung, sondern die Schrecken einer Unterversorgung beherrschen hier die Fantasie. Es ist die Angst, dass nicht mehr alles für eine mögliche Heilung und eine würdevolle Pflege unternommen werden könnte, weil die Gesellschaft dem Einzelnen nur eine begrenzte Einladung zum Leben ausspricht. Alte oder behinderte Menschen, so die bange Vermutung, könnten des Ressourcenmangels wegen nicht mehr adäquat medizinisch versorgt werden. "Europa auf dem Weg zur Euthanasie?" öffnet in Frageform die dunkelsten Assoziationsräume deutscher Geschichte und verbalisiert diese zweite Befindlichkeit.

Vor dem Hintergrund dieser doppelgesichtigen Angst, am Ende sinnlos leben zu müssen oder nicht mehr leben zu dürfen, soll der Versuch unternommen werden, sachlich und reflektiert das weite Feld der Sterbehilfe-Debatte zu durchschreiten, ein Feld, das Risiken birgt und zumal in der bundesdeutschen Diskurslandschaft mit allerlei Minen bestückt ist. Doch gerade die Unübersichtlichkeit des Geländes fordert zu neuer Orientierung heraus, und Wegweiser sind gefragter denn je. Anders gesagt: Die Argumente im Streit um die Sterbehilfe verdienen sorgfältigste Prüfung, weil sie längst nicht mehr nur Spezialistenzirkel beschäftigen, sondern mitten hinein in die Alltagswelt jedes Einzelnen zielen. Die Menschen in Europa leben inzwischen nicht nur länger als früher, sondern sie sterben auch länger. Die Spanne zwischen Erstdiagnose, Therapie und Tod hat sich erweitert, und so müssen viele Patienten und deren Angehörige lernen, einen neuen Abschnitt ihrer Biografie - Leben mit tödlicher Diagnose - zu bewältigen. 4 Dies schafft unweigerlich den Raum, darüber nachzudenken, wie diese Phase autonom mitgestaltet werden muss oder kann.

In zwei Nachbarländern Deutschlands wurde 2002 die ärztliche aktive Sterbehilfe legalisiert, in ein drittes, die Schweiz, reisen jedes Jahr fast 50 Bundesbürger, um dort, begleitet von einer Sterbehilfeorganisation, as

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