text.skipToContent text.skipToNavigation
background-image

Berühre die Wunden Über Leid, Vertrauen und die Kunst der Verwandlung von Halík, Tomás (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 03.01.2019
  • Verlag: Verlag Herder GmbH
eBook (ePUB)
8,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

Berühre die Wunden

Zum christlichen Glauben gehört der Mut, die Wunden unserer Welt wahrzunehmen und sie mit dem Glauben zu berühren. Denn wir begegnen Gott überall dort, wo Menschen leiden. Und auch wenn jemand Christus nicht im traditionellen kirchlichen Umfeld finden kann, ist für ihn noch immer die Möglichkeit gegeben, ihm in den offenen Wunden unserer Welt zu begegnen. In 14 Essays zeigt Tomá? Halík, dass sich ein Glaube 'ohne Wunden' als Illusion erweist. 'Das Buch ist eine vom Alltag gesättigte Meditation.' forum Tomá? Halík, geb. 1948, wurde während des kommunistischen Regimes in der Tschechoslowakei heimlich zum Priester geweiht und war Mitarbeiter von Kardinal Tomá?ek und Václav Havel. Er ist Professor und Universitätsseelsorger an der Karlsuniversität Prag sowie Ehrendoktor der Universitäten Erfurt und Oxford. Halík erhielt mehrere internationale Preise wie den Romano-Guardini-Preis (2010) oder den Templeton-Preis (2014). Seine Bücher wurden in 18 Sprachen übersetzt.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 240
    Erscheinungsdatum: 03.01.2019
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783451814501
    Verlag: Verlag Herder GmbH
Weiterlesen weniger lesen

Berühre die Wunden

1. Das Tor der Verwundeten

Thomas aber, einer von den Zwölf, Zwilling genannt, war nicht bei ihnen, als Jesus kam. Die anderen Jünger sagten zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er entgegnete ihnen: Wenn ich nicht an seinen Händen das Mal der Nägel sehe und meinen Finger in das Mal der Nägel lege und meine Hand in seine Seite lege, glaube ich nicht.

Nach acht Tagen waren seine Jünger wieder versammelt und Thomas war bei ihnen. Da kam Jesus bei verschlossenen Türen, trat in ihre Mitte und sagte: Friede sei mit euch! Dann sagte er zu Thomas: Reiche deinen Finger her und sieh meine Hände an und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! Thomas antwortete ihm: Mein Herr und mein Gott! Jesus sagte zu ihm: Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig, die nicht sehen und doch glauben.

(Johannes 20, 24 -29)

Ich las dieses Evangelium zu Ende und ging vom Ambo wieder zurück, um mich auf meinen Platz zu setzen. Es war früh am Morgen und in der Kathedrale von Madras war es halbdunkel, still und fast leer. Indien lag vor mir wie ein bunter Blumenteppich, der mit vielen heiligen Orten durchwebt ist - ich befand mich auf dem Weg nach Bodhgaya, dem Schauplatz der Erleuchtung Buddhas, nach Sarnat, wo der Erleuchtete seine erste Ansprache zu seinen Schülern hielt, nach Varanasi am Ufer des Ganges, dem heiligsten Wallfahrtsziel der Hindus, nach Mathura, dem Geburtsort Krishnas -, hier jedoch in Madras , im Herzen des hiesigen Christentums, wo seit jeher das Grab des Apostels Thomas, des Patrons Indiens, verehrt wird, fühlte ich mich für einen Moment wirklich wie zu Hause - auch dank des vertrauten Textes.

Den vorgetragenen Abschnitt aus dem Evangelium des heiligen Johannes habe ich in diesem Moment noch so wahrgenommen, wie ich ihn zuvor jedes Mal wahrgenommen hatte und wie er gewöhnlich ausgelegt wird: Jesus hat durch seine Erscheinung den skeptischen Apostel von allen Zweifeln an der Realität seiner Auferstehung befreit; aus "dem ungläubigen Thomas" wurde mit einem Male der gläubige. Ich habe in diesem Moment noch nicht geahnt, dass der Text sich mir aufgrund eines Ereignisses nochmals öffnen und mich noch ganz anders und tiefer ansprechen würde - und dass er mir, bis sich der Tag neigte, sogar das größte Geheimnis des christlichen Glaubens in einem neuen Licht zeigen würde: die Auferstehung Jesu und seine Göttlichkeit. Und mehr noch: Diese neue Sichtweise führte mich allmählich auf einen bestimmten Weg der Spiritualität, von dem ich bis dahin nichts gewusst hatte. Sie zeigte mir "das Tor für den ungläubigen Thomas" - das Tor der Verwundeten .

Der christliche Glaube besteht darin, das Evangelium und unser Leben ständig in Beziehung zu setzen; er besteht in dem Mut, "sich in diese Geschichte hineinzubegeben". Es gilt, den Sinn der biblischen Erzählungen aufgrund der eigenen Lebenserfahrungen immer neu und tiefer entdecken zu suchen und die mächtigen Bilder des Evangeliums wirken zu lassen, damit sie allmählich den Fluss unseres eigenen Lebens beleuchten, auslegen und verwandeln.

Viele Ereignisse, Erlebnisse, Ideen und Einsichten des Augenblicks brauchen ihre Zeit, um in uns zu reifen und Frucht zu bringen. Zwölf Jahre waren seit meiner Wallfahrt nach Indien vergangen. Ich sitze in diesem Moment wieder in der Stille und Einsamkeit der Waldeinsiedelei im Rheinland; nach einem nächtlichen Sturm ist der ganze Berggipfel mit einem dichten Nebelschleier bedeckt, durch den sich nur langsam und mit Mühe die ersten Morgenstrahlen durchkämpfen; tiefhängende Wolken bedecken das Tal ringsherum. Mitten in der Wolke also beginne ich dieses Buch zu schreiben, einen weiteren Versuch, "Rechenschaft über meine Hoffnung abzulegen" 1 .

"Gott ist tot - wir haben ihn getötet, ihr und ich!" Wie oft habe ich schon dieses Schicksalsverdikt Nietzsches aus der "Fröhlichen Wissenschaft" zitiert, in dem "der Narr" (dem es als

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen