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Kein Himmel über Berlin? Glauben in der Metropole von Brose, Thomas (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 27.10.2014
  • Verlag: Butzon & Bercker
eBook (ePUB)
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Kein Himmel über Berlin?

Berlin gilt mehr denn je als Weltstadt der Kultur, Politik, Medien und Wissenschaften und ist als aufstrebende Metropole Magnet für Menschen aus aller Welt. Religion scheint keine große Rolle zu spielen und doch ist Berlin gerade durch seine ganze wechselvolle Geschichte ein prädestinierter Ort für das Nachdenken über Religionskritik, Agnostizismus und Atheismus. Diese prägen gemeinsam mit christlichen Einfl üssen das heutige Lebensgefühl, was als idealer Ausgangspunkt für die Entwicklung einer "Theologie des Unglaubens" erscheint. Thomas Brose führt durch die kulturprägende Auseinandersetzung von Christen und Atheisten in Berlin und zeigt auf, welches Potenzial christlicher Glaube heute in der "Hauptstadt der Heiden", aber auch in anderen Großstädten entfalten kann.

Thomas Brose, geboren 1962, Dr. phil., Studium der Katholischen Theologie, Geschichte und Philosophie, gehörte zu den Aktivisten der Friedlichen Revolution 1989. Er ist Lehrbeauftragter für Religionsphilosophie, Religionswissenschaften und Ethik in Berlin, Potsdam und Dresden und seit 2012 Wissenschaftlicher Projektleiter am Lehrstuhl für Fundamentaltheologie und Religionswissenschaft der Universität Erfurt.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 222
    Erscheinungsdatum: 27.10.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783766642691
    Verlag: Butzon & Bercker
    Größe: 1243kBytes
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Kein Himmel über Berlin?

I. Himmel und Metropole

Am Anfang stand ein simpler Verwaltungsakt. Das "Gesetz über die Bildung einer neuen Stadtgemeinde Berlin" wurde am 27. April 1920 von SPD und USPD ins Preußische Parlament eingebracht und konnte - dank Enthaltung der katholischen Zentrumspartei - am 1. Oktober des gleichen Jahres in Kraft treten. Dadurch entstand das politisch-soziale Ballungszentrum Groß-Berlin mit 3,8 Millionen Einwohnern: gebildet aus Alt-Berlin (1,9 Millionen), sieben angrenzenden Städten (1,2 Millionen) sowie 59 Landgemeinden und 27 Gutsbezirken (0,7 Millionen), die von jetzt ab einer gemeinsamen urbanen Region angehörten. Damit wurde die zu damaliger Zeit drittgrößte Metropole der Welt aus der Taufe gehoben. In ihr lebten 1930 bereits 4,3 Millionen Einwohner, darunter 440.000 Katholiken.
Ein religiös-politischer Erinnerungsort

Tatsächlich hat die Millionen-, Kaiser- und Weltstadt seit dem Ende des Ersten Weltkriegs wüste Kapriolen hinter sich gebracht. In den Goldenen Zwanzigerjahren galt Berlin als europäische Hauptstadt des Amüsements und Nachtlebens. Dadaisten und Surrealisten eroberten die Bühnen. In Bars wurde Jazz gespielt, und die Berliner tanzten dazu. Aber nach dem Zwischenspiel der Jahre 1924 bis 1929, die so golden nicht waren, wirbelten Willkür und Wahn, Terror und Teilung bald alles durcheinander. Vielfalt und Intellektualität der Metropole wurden systematisch zerstört. Wie viele Reiche zerbrachen in den letzten hundert Jahren? Wie viel Vernichtung und Tod? Wie viele größenwahnsinnige und verbrecherische Pläne, geschmiedet in Berlin, endeten auf dem Trümmerhaufen der Geschichte?

Karl Jaspers, der in den 1920er-Jahren von der Medizin zur Geisteswissenschaft gewechselt war, verfügte über eine umfassende Kenntnis psychiatrischer Krankheitssymptome. Der Philosoph erwies sich daher als besonders geeignet, heraufziehende Krisen und Verwerfungen zu beschreiben. In seiner 1931 publizierten Analyse Zur geistigen Situation der Zeit hat er festgehalten: "Dem Glauben an den Anbruch einer großartigen Zukunft steht das Grauen vor dem Abgrund, aus dem keine Rettung mehr ist, entgegen. Es ist wohl ein Bewusstsein verbreitet: Alles versagt; es gibt nichts, das nicht fragwürdig wäre; nichts Eigentliches bewährt sich; es ist ein endloser Wirbel, der in gegenseitigem Betrügen durch Ideologien seinen Bestand hat. Das Bewusstsein des Zeitalters löst sich von jedem Sein und beschäftigt sich mit sich selbst. Wer so denkt, fühlt sich zugleich selbst als nichts. Sein Bewusstsein des Endes ist zugleich Nichtigkeitsbewusstsein seines eigenen Wesens."11

Um diesem tief im Untergrund wirksamen Bewusstsein eigener Nichtigkeit etwas entgegenzusetzen, sollte auf dem Boden der deutschen Hauptstadt Germania die bombastische Kapitale eines "Tausendjährigen Reiches", imposanter als Paris und Rom, entstehen. "Nicht ,Werke für die Ewigkeit' vermochte Hitler im Vorkriegs-Berlin zu erkennen, sondern lediglich Bauwerke ,für den augenblicklichen Bedarf'. Hier ist der Urantrieb seiner Bausucht zu begreifen, die später in Albert Speer ihr williges und ehrgeiziges Werkzeug findet: die Fixierung in Stein als sinnfälliger Ausdruck eines ,Tausendjährigen Reiches' von eschatologischer Kraft."12 Der verhinderte Architekt Hitler entwarf dazu mit Speer, seinem Rüstungsminister und Generalbauinspektor für die Reichshauptstadt, gigantomanische Zukunftspläne mit dem größten Versammlungsort auf dem Globus. "Die größte bis dahin erdachte Versammlungshalle der Welt", beschreibt Speer Hitlers Pläne für die "Große Halle des Volkes", "bestand aus einem Raum, der 150.000 bis 180.000 stehende Zuhörer fassen konnte. Im Grunde handelte es sich [...] um einen Kultraum, der im Lauf der Jahrhunderte durch Tradition und Ehrwürdigkeit eine ähnliche Bedeutung gewinnen sollte wie St. Peter in Rom für die katholische Christenheit. Ohne einen solchen kultischen Hintergrund wäre der Aufwand für Hitlers Zentralbau sinnlos und un

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