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Ausgeheuchelt! So geht es aufwärts mit der Kirche von Jürgens, Stefan (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 09.04.2020
  • Verlag: Verlag Herder GmbH
eBook (ePUB)
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Ausgeheuchelt!

Katholisch aufgewachsen, Priester geworden, als Kaplan auf Wolke sieben: und dann? Dann erfährt Stefan Jürgens eine Kirche, die sich durch ihre Hierarchie selbst lähmt, die am Klerikalismus erstickt, die an einer Sprache festhält, die keiner mehr versteht, die Frauen, Homosexuelle und geschiedene Wiederverheiratete diskriminiert. All das beschreibt Jürgens - so pointiert und provokant wie kaum ein Amtsträger vor ihm, und zugleich verrät er, weshalb er noch immer in dieser Kirche ist. Was sich ändern muss und wie es aufwärtsgehen kann. So schmerzhaft Jürgens' Analyse ist, so hilfreich sind seine Vorschläge. Er weiß genau: Entweder es ist Schluss mit der Heuchelei. Oder es ist Schluss mit der Kirche. 'Es ist Druck im Kirchenkessel. Die gut organisierte katholische Kirche in Deutschland ist auf dem Weg in eine gut organisierte Bedeutungslosigkeit. Die Kirche ist weltfremd geworden - und die Welt kirchenfremd. Oftmals steht die Kirche dem Evangelium geradezu im Weg. Und dabei fordert der Glaubenssinn des Volkes Gottes längst Reformen. Neue Zugangswege zum Amt, selbstverständlich auch für Frauen, sowie die Freistellung des Zölibats: Beides sind Dauerthemen und mittlerweile Ausdruck einer langen und lähmenden kollektiven Sexualneurose der katholischen Kirche mitsamt ihrer institutionellen Heuchelei. Ernstnehmen anderer Lebensmodelle und Biografien, Partizipation und Förderung des Engagements der Laien auf Augenhöhe, Ökumene und interreligiöser Dialog, die über symbolisches Händeschütteln hinausgehen: All das sind Reformen, die die Kirche endlich ernsthaft angehen muss, will sie nicht in jener gut organisierten Bedeutungslosigkeit enden.' Stefan Jürgens, geb. 1968, war zunächst Diakon und Kaplan, dann Jugendseelsorger und BDKJ-Präses, ab 2002 Geistlicher Rektor einer katholischen Akademie und Leiter eines Exerzitienhauses. Er sorgte mit dem Internet-Blog 'Der Landpfarrer' für Aufmerksamkeit und ist immer wieder mit Interviews und Veröffentlchungen in den Medien präsent. Von 2004 bis 2008 war er Sprecher beim 'Wort zum Sonntag' in der ARD. Seit 2016 ist Stefan Jürgens Pfarrer der Kirchengemeinde Heilig Kreuz in Münster.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 176
    Erscheinungsdatum: 09.04.2020
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783451818950
    Verlag: Verlag Herder GmbH
    Größe: 404 kBytes
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Ausgeheuchelt!

Wodurch ich mich entwickeln konnte

Auf Wolke sieben

Mit vierundzwanzig Jahren bin ich zum Diakon geweiht worden. Heute würde ich sagen: Das war zu früh. Ich hätte noch etwas anderes studieren, mir mehr Zeit lassen sollen. Während der Weihehandlung hatte ich das Zölibatsversprechen abzulegen. Ich habe das damals mit voller Überzeugung getan, dabei aber im Stillen gedacht: Hoffentlich geht das gut! Das Diakonatsjahr war dann jedoch fantastisch. Es gab damals noch überschaubare Gemeinden: eine Kirche, ein Pfarrheim, ein Pfarrhaus, ein Pfarrer und eine Pastoralreferentin. Jetzt war ich auch da, jetzt gehörte ich dazu. Der Pfarrer hatte eine gute Mentoratsmethode: learning by doing . Ich durfte alles machen, alles ausprobieren. Und weil er in der Lebensmitte und gerade ein bisschen müde war, ließ er mich vor allem das tun, wozu er selbst im Moment keine Lust hatte. Ein Diakon im Ausbildungsjahr muss Fehler machen dürfen, und das habe ich auch. Dennoch war ich auf "Wolke sieben", der Zuspruch war hoch. Kinder- und Jugendarbeit, Religionsunterricht, Taufen, Trauungen, Beerdigungen - alles lief wie am Schnürchen. Auch für kritische Positionen in Sachen Theologie und Kirche gab es einen Raum. Nach einem Jahr war ich allerdings so entkräftet, dass ich im Krankenhaus gelandet bin. Ich hatte mich in meiner Begeisterung schlichtweg übernommen.

Danach ging es wieder für einige Monate ins Priesterseminar, mit wiederum wenig Verwertbarem für die konkrete Pastoral. Aber egal, es war eine Verschnaufpause, wir haben uns im Weihekurs gut verstanden und eine Menge Unsinn veranstaltet, zum Beispiel eine kirchenkritische Kunstausstellung, die über Nacht das ganze Seminar ausfüllte und für eine große Verunsicherung gesorgt hat. Die Priesterweihe rückte näher, dafür musste vieles vorbereitet werden. Von den siebenunddreißig Theologiestudenten, die 1987 gemeinsam mit mir im Collegium Borromäum angefangen hatten, waren jetzt noch achtzehn übrig geblieben, dennoch für heutige Verhältnisse ein riesengroßer Kurs. Nach der Weihe im Dom zu Münster standen einige Primizfeiern an. Primiz nennt man die erste Messfeier, der ein neugeweihter Priester vorsteht, darum ranken sich viele magische Vorstellungen, die auch 1994 noch nicht überwunden waren. So wurde der Weg zwischen meinem Elternhaus und der Kirche mit Birkenzweigen und achtzehntausend Papierrosen geschmückt, es war sehr feierlich, die ganze Gemeinde war auf den Beinen, selbst der Bürgermeister und mein ehemaliger Gymnasialdirektor hielten eine Rede. Die Primizfeiern habe ich mit stoischer Gelassenheit ertragen, ich hatte den Eindruck, dass hier eine Volksreligiosität fröhliche Urständ feierte, die theologisch niemand mehr verantworten konnte.

Noch besser als im Diakonat ging es mir in der ersten Kaplansgemeinde. An einem Pfarrer, der wirklich durch und durch Seelsorger war, konnte ich Maß nehmen und tue dies bis heute. Kein Pfarrer, den ich kenne, konnte sich selbst dermaßen zurücknehmen und dadurch seine Mitchristen ermutigen wie er. Keine andere Gemeinde, in der ich tätig war, hatte so viele Getaufte, die ihr Christsein bewusst ernstnahmen, die der Kirche gegenüber kritisch und dem Evangelium gegenüber loyal waren. Die so genannten "Hauptamtlichen" mussten gar nicht alles selber leiten, vielmehr hatten die Ehrenamtlichen ihren Glauben selbstbewusst in die Hand genommen. Ich erinnere mich an das erste Treffen mit dem Ausschuss zur Vorbereitung des Firmsakraments. Eine Mitchristin sagte mir: "Herr Kaplan, wir bereiten die Firmkatechese vor, wenn Sie Zeit und Lust haben, können Sie auch dazukommen." Die hätten das also auch ohne mich gemacht, gut so. Auch als Religionslehrer konnte ich mich ausprobieren; die Erfahrungen an einem bischöflichen Gymnasium vermochten mich mit meiner eigenen eher langweiligen Schulvergangenheit zu versöhnen. Es war eine unglaublich bereichernde Zeit, die leider zu schnell endete:

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