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Das Erscheinen des Dionysos Antike Mythologie und moderne Metapher von Bohrer, Karl Heinz (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 06.10.2015
  • Verlag: Suhrkamp
eBook (ePUB)
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Das Erscheinen des Dionysos

Wurde Dionysos erst in der Moderne dionysisch? Dionysos, Sohn des Zeus, Gott der Ekstase, wurden viele Eigenschaften zugeschrieben. Aber nur eine unterscheidet ihn von allen anderen Göttern: sein plötzliches "Erscheinen", jene mysteriöse Ereignishaftigkeit, die mit seinem Auftreten verbunden war und schon in den griechischen Texten thematisch wurde. Karl Heinz Bohrer begibt sich in seinem neuen Buch auf die Spuren dieser Eigenschaft des Dionysos und zeigt, wie sie sich sukzessive vom Mythos abgelöst hat und nach 1800 zum Signum der romantisch-modernen Literatur und Philosophie wurde. Hölderlins dionysischer Augenblick, Nietzsches dionysische Ästhetik und die mythopoetische Metapher der modernen Lyrik bei Pound, T. S. Eliot, Rilke und Paul Valéry sind die wichtigsten Stationen, an denen das Dionysische des modernen Dionysos erkennbar wird: als Ausdrucksform des "Ereignisses" und des "Erscheinens", die zu zentralen Kategorien der zeitgenössischen Kunst- und Literaturtheorien werden. Die Diskussion der Theorie des "Ereignisses" im Surrealismus sowie prominent bei Martin Heidegger und Jean-François Lyotard schließt diese fesselnde Studie zum dionysischen Diskurs der Moderne ab.

Karl Heinz Bohrer, geboren 1932 in Köln, Literaturkritiker, Herausgeber, Wissenschaftler, Verfasser vieler Werke um die zentrale Idee des Momentanismus, der "Plötzlichkeit". Langjährige Aufenthalte in Frankreich und England, wo er lebt, als bewusste Erfahrung der "Fremde". Hochschullehrer in Deutschland, Frankreich und den USA. Als scharfzüngiger, auch polemischer Zeitkritiker stand er immer wieder im Zentrum heftiger Diskussionen.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 200
    Erscheinungsdatum: 06.10.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783518740187
    Verlag: Suhrkamp
    Größe: 1032kBytes
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Das Erscheinen des Dionysos

Prolog:
Wie dionysisch war, wie dionysisch wurde Dionysos?

Warum hat Dionysos in der modernen Literatur- und Kunsttheorie Apollon vertrieben? Die Antwort scheint einfach: Apollons Eigenschaft, das Apollinische, musste der Eigenschaft des Dionysos, dem Dionysischen, weichen, weil diese Eigenschaft einer romantischen Ästhetik entsprach, welche die idealistische Norm, die Apollon seit Platons Deutung vertrat, um 1800 endgültig überholt hatte. Das ist die kurze historische Erklärung. Sie wird aber erst wirklich sprechend, sieht man sich die ästhetische Ursache der modernen Karriere des Dionysos und des Dionysischen genauer an. Sie beruht auf dem spezifischen Erscheinungs modus des Gottes, der nicht einfach dem Begriff der Epiphanie gleichzusetzen ist, die seit Walter F. Ottos Dionysos-Buch 1 ohnehin als Definitionsmerkmal dem Gott zugeschrieben wird, nachdrücklich dargestellt von Marcel Detienne 2 und inzwischen durch Albert Henrichs' Arbeiten erläutert. 3 Von einer solchen epiphanen Eigenschaft, die auch den anderen olympischen Göttern, vornehmlich Zeus, Apollon, Athene und Aphrodite, zukommt, ist aber das spezifische Erscheinen des Dionysos zu unterscheiden: 4 Es hat die Qualität eines opaken Ereignisses, die über das Identitätszeichen des Göttlichen definitiv hinausgeht und eben hierin - das ist das Thema des Buches - die moderne Adaption der Dionysos-Mythologie in der Literatur und ihrer Theorie begründete und fortschrieb. So in der romantischen Literatur (Hölderlin, Kleist), so in der nachromantischen Ästhetik (Nietzsche), so in der klassischen Moderne (Ezra Pound, T.S. Eliot, Paul Valéry, Rainer Maria Rilke). Das Interesse der modernen Dionysos-Thematik geht nicht auf den Mythos selbst aus, sondern auf jene mythologischen Eigenschaften, die ästhetisch besonders wirksam sind.

Und da ragt die Ereignis qualität des plötzlichen Erscheinens 5 vor allen anderen heraus, insofern sie nicht mehr nur begründet ist in der Epiphanie des Gottes, also einer theologischen Figur, sondern in einem Sichtbarwerden, das rätselhaft bleibt und nicht identifizierbar ist. Man kann das opake Ereignishafte des Erscheinens des Gottes das Dionysische nennen, das nicht allen Darstellungen des Dionysos eignet. Gerade die für seinen Mythos zentrale Charakteristik der Gabe des Weins enthält das Ereignishafte nicht, eher eine gewisse bukolische Ruhe. Andererseits ist der dem Wein zugeordnete Zustand der mania ("Wahnsinn") der mythologisch wichtigste Ausdruck des dionysischen Ereignisses. Die mythologisch verbürgten Eigenschaften des Dionysos zeigen eine Gegensätzlichkeit, die umso mehr das Opake des Erscheinungsereignisses, den eigentlich ästhetischen Effekt, zum Ausdruck bringt.

Wie "erscheint" Dionysos in der altgriechischen Mythologie? Genrebedingt zeigt die bildliche Darstellung mythologischer Motive in der griechischen Vasenmalerei zwischen dem 6. und 4. Jahrhundert v.Chr. nicht eigentlich das dionysische Erscheinen, sondern narrativ reichhaltige und sehr unterschiedliche Motive der einzelnen Mythen des Gottes. 6 Man hat wegen der Tatsache, dass die Mythologie des Dionysos den Gott in so vielen unterschiedlichen Formen darstellt, von den "Masken des Dionysos" gesprochen - ein Aspekt, der in diesem Buch noch zentral werden wird. 7 Nimmt man das Dionysos zugeordnete Opferritual 8 hinzu, dann hat man die für die Ästhetik des Erscheinens wichtigsten drei Ausdrucksformen: Maske, Opfer, mania . Im Folgenden geht es nicht um die Geschichte des Dionysos-Motivs, 9 sondern um dessen Rolle als ein Zeichen des ästhetischen Diskurses in der modernen europäischen Literatur.

Es sind vor allem drei klassische griechische Texte beziehungsweise Textsammlungen, in denen die

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